Bischof Stephan Ackermann im Interview: "Wenn sich nichts ändert, ist Frust programmiert"

Bischof Stephan Ackermann im Interview: "Wenn sich nichts ändert, ist Frust programmiert"

Bevor sich Triers Bischof Ende Juli Richtung Spanien in den Urlaub verabschiedet, eilt Stephan Ackermann noch von Termin zu Termin: Vergangenen Freitag war Ackermann in Mannheim, am Mittwoch in Bonn, und morgen gehts für eine Woche ins afrikanische Uganda. Beim "Boxenstopp" in Trier gab der 48-Jährige dem TV ein ausführliches Interview.

Guten Tag, Herr Bischof, welche Frage möchten Sie heute auf keinen Fall gestellt bekommen?
Ackermann: Kommt der Papst zur Heilig-Rock-Wallfahrt im nächsten Jahr nach Trier?

Ich hätte eher an die Frage gedacht: Wie enttäuscht sind Sie, nicht zum neuen Erzbischof von Berlin und damit designierten Kardinal ernannt worden zu sein?
Ackermann: Das wäre die Alternative zur Papst-Frage gewesen …

Und wie lautet Ihre Antwort?
Ackermann: Ich bin überhaupt nicht enttäuscht. Dass mein Name im Zusammenhang mit dem Erzbistum Berlin genannt wurde, war reine Lust an der Spekulation.

Aber mal ganz im Ernst: Seit Sie federführend den katholischen Missbrauchsskandal aufarbeiten, gelten Sie in Kirchenkreisen stets als potenzieller Anwärter, wenn ein bedeutender Bischofsstuhl neu vergeben wird. Was wäre Ihnen denn lieber: eine päpstliche Versetzung nach Mainz oder Köln?
Ackermann: Weder noch. Ich bin sehr froh in Trier. Ich habe als Bischof von Trier und in meiner Funktion als Missbrauchsbeauftragter genügend Herausforderungen.

Sie werden mir jetzt sicher wie Ihr Vorgänger Reinhard Marx sagen, dass sie einst im Trierer Dom beerdigt werden möchten …
Ackermann: Genau.

Das hat aber schon bei Marx nicht hingehauen …
Ackermann: Stimmt. Aber warum sollte das bei seinem Nachfolger nicht klappen?

Stichwort Missbrauchsskandal: Sie machen den Zusatzjob als Missbrauchsbeauftragter jetzt seit knapp anderthalb Jahren. Was bezeichnen Sie rückblickend als Ihren größten Erfolg?
Ackermann: Ich bin froh, dass wir die Dinge, die wir uns vorgenommen auch umgesetzt haben: die Telefonhotline für Opfer und deren Angehörige, die Überarbeitung der Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsfällen, ein Präventionskonzept, die Frage der materiellen Hilfen und das am Mittwoch vorgestellte Forschungsprojekt. Das alles soll dazu beitragen, die Vergangenheit aufzuarbeiten und sexuellen Missbrauch in Zukunft so wirksam wie möglich zu verhindern.

Was war in diesem Kontext bislang die größte Enttäuschung?
Ackermann: Mich schmerzt am meisten, dass es uns bei einigen Opfern nicht gelingt, in irgendeiner Form zu einer Versöhnung zu kommen. Es gibt einfach Verletzungen, die lassen sich nicht beheben. Da habe ich einfach auch gemerkt, wo meine Grenzen sind.

Inwiefern können Sie verstehen, dass jetzt einige Missbrauchsopfer aus Ihrem Bistum enttäuscht sind über das "mickrige" Entschädigungsangebot der katholischen Kirche?
Ackermann: Ich kann verstehen, dass es Unzufriedenheit gibt. Die hätte es aber immer gegeben, völlig unabhängig von der Höhe des Betrags. Entschädigung ist ja auch gar nicht möglich. Wir haben aber immer gesagt, dass es eine zwar konkrete, aber doch auch nur symbolische Anerkennung für das erlittene Unrecht sein kann.

Bleiben wir im Bistum Trier: Nach den Sparbeschlüssen haben Sie und Ihr Generalvikar zuletzt auch bei der Strukturreform auf die Bremse getreten. Das vermittelt nach außen hin nicht gerade den Eindruck einer professionell geführten Organisation, in der Entscheidungen nach reiflicher Überlegung getroffen werden …
Ackermann: Beim Kostensenkungsprozess hatten wir das Problem, dass sich selbst die Fachleute schwergetan haben, verlässliche Prognosen zu geben. Und bei der Strukturreform betreten wir in vielen Bereichen Neuland, etwa beim Finanzierungssystem. Die Kirchengemeindeverbände bekommen nun - anders als vorher - ein Budget, mit dem sie wirtschaften können. Bei einer solchen Sache steckt natürlich der Teufel im Detail, das ist ein schwieriges Feld. Vor allem müssen wir schauen, dass wir die Ehrenamtlichen mitnehmen und nicht über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Von daher ist unser Vorgehen auch eine Reaktion auf die kritischen Rückmeldungen aus den einzelnen Gemeinden.

Kritische Rückmeldung ist ein gutes Stichwort: In Mannheim wurde vor einer Woche der auf fünf Jahre angelegte Dialogprozess über mögliche Reformen in der katholischen Kirche begonnen. Der Sprecher der Bischofskonferenz sagt: "Es wird keinen kirchlichen deutschen Sonderweg geben." Was sollen denn dann die ganzen Diskussionen?
Ackermann: Es war zunächst einmal wichtig, dass die unterschiedlichen katholischen Gruppierungen in Mannheim ins direkte Gespräch miteinander gekommen sind und auch offen die Knackpunkte benannt wurden. Es war eine offene Kommunikation in guter Atmosphäre.

Klingt ein wenig nach: Schön, dass wir miteinander gesprochen haben …, aber ändern wird sich nichts …
Ackermann: … das ist der Punkt. Es darf keine Kultur der Folgenlosigkeit geben. Wenn am Ende der Dialogprozess ohne Ergebnis bleibt, ist die Frustration programmiert.

Geben wir mal "Butter bei die Fische": Auch Sie sind ja bislang nicht gerade als großer Vorreiter von innerkirchlichen Reformen aufgefallen.
Ackermann: …stimmt.

Ich nenne Ihnen jetzt vier Streitpunkte und Sie sagen mir bitte, ob sich in diesen Punkten Ihrer Meinung nach etwas ändern muss oder ob der Status quo in Ordnung ist: keine Diakoninnen- und Priesterweihe für Frauen.
Ackermann: Das ist lehramtlich so festgelegt. Wichtig ist es aber, mehr Frauen in verantwortliche Positionen zu bekommen, die nicht an das Weiheamt gebunden sind.

Die Oberin der Waldbreitbacher Franziskanerinnen, Schwester Basina Kloos, sagt: "Es kann nicht Gottes Wille sein, dass Frauen zu diesen Ämtern nicht zugelassen werden." Wer hat denn nun recht, Papst Benedikt XVI. oder Schwester Basina?
Ackermann: Hat Schwester Basina das wirklich so gesagt? Dann wundere ich mich, dass sie einen direkteren Draht hat zu Gottes Willen für die Kirche als der Papst und das ganze Lehramt zusammen.

In Ihrer eigenen Verwaltung, dem Generalvikariat, sind vier der fünf Direktoren und 14 der 16 Abteilungsleiter Männer. Das klingt, als müsste in puncto Frauenförderung auch der Bischof von Trier noch nachsitzen, oder?
Ackermann: Keine Frage, dass der Anteil von Frauen in verantwortlichen Positionen auch bei uns noch ausbaufähig und -bedürftig ist.

Das klingt nicht gerade revolutionär. Versuchen wir es damit: Katholische Priester sollen nicht heiraten dürfen.
Ackermann: Das ist kein Dogma. Ich bin aber der Überzeugung: Selbst wenn Priester heiraten dürfen, wird das die eigentlichen Fragen, vor denen wir stehen, nicht lösen.

Das hört sich so an, als könnte der Trierer Bischof damit leben …
Ackermann: In der Ostkirche sind die Priester verheiratet.

Ich hatte nicht nach der Ostkirche gefragt …
Ackermann: Dann sage ich es noch einmal deutlicher: Die Herumreiterei auf der Zölibatsfrage halte ich für ein Ablenkungsmanöver von den Kernfragen. Allerdings ist es an uns Priestern und Bischöfen, den Zölibat überzeugend zu leben.

Dritter Punkt: Wiederverheirateten soll die Kommunion verwehrt bleiben.
Ackermann: Wir müssen in der Frage der wiederverheiratet Geschiedenen zu Lösungen kommen, die deutlicher machen, dass diese Menschen nicht aus der kirchlichen Gemeinschaft herausfallen.

Auf gut Deutsch: Der Trierer Bischof will Geschiedene, die erneut heiraten, zur Kommunion zulassen?
Ackermann: Der Trierer Bischof sieht es so, dass wir es hier nicht bei der gegebenen Situation belassen können. Hier sind verschiedene Güter gegeneinander abzuwägen: die Hochschätzung der Unauflöslichkeit des Sakraments der Ehe und der Respekt vor der konkreten Lebenssituation von Menschen. Da verbieten sich Schnellschüsse.

Die katholische Kirche in Deutschland im Alleingang?
Ackermann: In der katholischen Kirche gibt es nie einen Alleingang losgelöst von Rom. Das geht nicht.

Also ist der in Mannheim begonnene Dialogprozess letztlich doch zum Scheitern verurteilt?
Ackermann: Nein! Es kann doch sein, dass wir in diesem Dialogprozess auch Lösungen in den Blick nehmen, die gesamtkirchlich von Bedeutung sind …

… heißt, dass es nach dem fünfjährigen Dialog in Deutschland einen Dialog mit Rom geben wird, der in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts nicht mehr beendet sein wird?
Ackermann: Malen Sie doch nicht so schwarz! Ich glaube sogar, dass wir in Westeuropa einen exemplarischen Auftrag haben zur Lösung von Problemen des Glaubens in einer säkularen Gesellschaft, die für andere Länder auch noch von Bedeutung sein werden.

Kommen wir zum vierten Punkt:
Schwule und Lesben haben in der katholischen Kirche nichts verloren.
Ackermann: Das ist doch Unsinn. Natürlich gehören auch Schwule und Lesben, die katholisch getauft sind, dazu.

Als gleichwertige Mitglieder?
Ackermann: Ja, natürlich.

Die auch untereinander heiraten dürfen?
Ackermann: Sie wissen, dass das nicht unserer Vorstellung von der Ehe entspricht.

Unserer Vorstellung oder Ihrer?
Ackermann: Auch meiner nicht.

Sie sind seit Mai 2009 Bischof von Trier, zuvor waren Sie drei Jahre Weihbischof: Was war schöner in dieser Zeit "in der zweiten Reihe"?
Ackermann: Als Weihbischof war ich mehr zu Visitationen unterwegs, hatte von daher mehr direkten Kontakt zu den Gläubigen. Das vermisse ich schon, vor allem den Kontakt zu den Jugendlichen und ihrer unbefangenen Art.

Auch ein Bischof macht mal Urlaub. Sie fahren Ende Juli nach Nordspanien, haben Sie schon verraten. Können Sie den TV-Lesern mal einen kleinen privaten Einblick gewähren, wie der Urlaubstag eines Bischofs aussieht?
Ackermann: Ich schlafe länger als normal.

Bis?
Ackermann: Halb acht. Das Tolle ist, im Gegensatz zum Alltag ist mein Urlaubstag nicht getaktet. Es geht ruhiger zu. Ich lese die Bücher, die ich sonst nicht lesen kann. Und ich nehme mir Zeit für Gespräche mit Freunden, zu körperlicher Bewegung und zum Essen.

Meer oder Berge?
Ackermann: Meer. Ich habs mehr mit dem Wasser.

Und welche Urlaubsbekleidung trägt ein Bischof?
Ackermann: Denken Sie, ich gehe mit der Soutane ins Meer? Im Urlaub bin ich nicht als Bischof identifizierbar, es sei denn, die Menschen erkennen mich am Gesicht.

Stephan Ackermann wird am 20. März 1963 in Mayen geboren. Nach dem Abitur studiert er Theologie in Trier und Rom. Dort wird er 1987 auch zum Priester geweiht. Im Jahr 2000 promoviert Ackermann, sechs Jahre später weiht der damalige Trierer Bischof Reinhard Marx den zuvor als Regens des Studienhauses in Lantershofen in der Priesterausbildung eingesetzten Theologen zum Weihbischof. Seit Mai 2009 ist Stephan Ackermann Bischof von Trier. Vor anderthalb Jahren wird er von der Deutschen Bischofskonferenz zusätzlich zum kirchlichen Missbrauchsbeauftragten ernannt. sey