Bushs Gründe

Die Vereinten Nationen würden eine "wichtige Rolle" beim Wiederaufbau des Irak haben, versicherte gestern US-Präsident George W. Bush nach seinem Treffen mit dem britischen Premierminister Tony Blair in Nordirland.

Doch auffällig war, dass sowohl Blair wie auch Bush bewusst unpräzise blieben bei der Beschreibung der künftigen UN-Befugnisse und Aufgaben - den Begriff "humanitäre Hilfen" einmal ausgenommen. Die Gründe für eine tiefe Aversion des US-Präsidenten gegen ein Mitspracherecht der Weltorganisation sind dabei vielfältig und gehen über das in den letzten Tagen mehrfach vorgebrachte Argument, eine Führungsrolle der USA ergebe sich durch das auf dem Schlachtfeld gelassene "Blut und Leben amerikanischer Soldaten", weit hinaus. Sie sind vor allem wirtschaftlich begründet. Doch auch Imagepflege spielt beim Planen der Nachkriegsordnung eine nicht zu unterschätzende Rolle: Das Weiße Haus verspricht sich langfristig einen ideellen Profit vor allem für das arg ramponierte Image in den arabischen Ländern, wenn eine erfolgreiche politische Transformation des Irak den USA zugeschrieben werden kann. Eine Übergangsverwaltung von der Uno organisieren zu lassen, widerspräche deshalb völlig dieser Zielvorstellung. Hinzu kommen handfeste monetäre Interessen. Washington sieht sich, das ergibt sich aus dem Konzept Washingtons für den Nachkriegs-Irak, auch als federführend für den Neuaufbau einer irakischen Armee und einer polizeiähnlichen Sicherheitstruppe, die im Land dann für Ordnung sorgen soll, wenn US-Truppen allmählich zurückgezogen werden. Als geschichtliches Vorbild dient hierbei der von den USA begleitete Wiederaufbau des südkoreanischen Militärs nach dem Korea-Krieg. Die bereits begonnene Vergabe von Verträgen zur Rekonstruktion der irakischen Infrastruktur an US-Firmen liefert einen weiteren Grund für eine minimalisierte UN-Rolle. Natürlich kann George W. Bush - auch angesichts der Konjunkturlage im Inland - nicht an einer breiten Streuung dieser Aufgaben interessiert sein. Auch fürchtet das Weiße Haus, dass es bei einer zu starken UN-Rolle Frankreich und Russland gelingen könnte, die Erfüllung bereits abgeschlossener Öl-Lieferverträge zu erreichen. Auch Altschulden des Diktators in Milliardenhöhe gegenüber diesen beiden Ländern würden dann möglicherweise nicht - wie es Washington wünscht - verfallen, sondern im Laufe der Jahre zurückgezahlt werden und damit für wichtige Infrastruktur-Aufgaben fehlen. Für die "Falken" im Weißen Haus wäre genau dies jedoch der diplomatische Super-GAU. "Was schulden denn die Bürger des Irak ausgerechnet jenen Ländern, die jahrzehntelang zum Machterhalt einer Diktatur und damit auch zur Unterdrückung des irakischen Volkes beigetragen haben?", fragte vor einigen Tagen die rechtskonservative Zeitung "Wall Street Journal" und gab damit wie so oft den Standpunkt von Regierungsmitgliedern wie Verteidigungsminister Donald Rumsfeld oder Vizepräsident Dick Cheney wieder. In der öffentlichen Debatte wird eine Nennung dieser Gründe jedoch tunlichst vermieden. Stattdessen dominiert ganz klar die so genannte "Blut und Leben"-Argumentation - und der wenig überzeugende Hinweis, der Irak sei einfach "zu groß und zu kompliziert" (Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice) für eine signifikante Rolle der Weltorganisation. nachrichten.red@volksfreund.de