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Contergan: „Es war nur diese einzige Tablette!“

FOTO: Katharina Neumann
Bernkastel-Kues/Trier. Constanze von Canal kam 1961 in Lieser zur Welt. Schnell wurde klar: Das Kind hört nichts. Nicht das Geringste. Constanze von Canal ist taub. Der Grund: das Schlafmittel Contergan. Ein Schicksal, das die heute 50-Jährige aufgearbeitet hat, sie engagiert sich in Opferverbänden. Dem TV erzählte sie ihre ganz persönliche Geschichte. Von unserer Mitarbeiterin Katharina Neumann

Constanze von Canal sieht auf den ersten Blick ganz normal aus: eine Frau mittleren Alters, schlank, gut gekleidet. Sie trägt gerne fröhliche Farben, Violett zum Beispiel. Dass sie eine so tragische Lebensgeschichte zu erzählen hat, offenbart sich später: Constanze von Canal hört nichts, Kommunikation funktioniert nur über Gebärdensprache.

"Kurz nach meiner Geburt hat man die völlige Taubheit festgestellt. Das hat meine Mutter sehr geschockt. Aber ich bin ein schlaues Kind", übersetzt der Dolmetscher beim Interview an ihrem Arbeitsplatz beim Trierer Landesuntersuchungsamt. Im Gegensatz zu vielen anderen Contergan-Opfern sind die physischen Schäden bei von Canal weniger stark ausgeprägt: "Manche müssen ja ihr Leben lang im Rollstuhl sitzen, die können sich nicht mal richtig die Zähne putzen", sagt sie.

Als Constanze von Canals Mutter 1961 schwanger war, hatte sie einen unruhigen Schlaf: Der Arzt verschrieb ihr Contergan. "Sie nahm nur diese einzige Tablette. Die Nacht muss schlimm gewesen sein. Meiner Mutter war schlecht, und statt besser konnte sie so gut wie gar nicht schlafen." Lange blieb unklar, dass es das Schlafmittel war, das die Behinderungen von Constanze von Canal ausgelöst hatte: "Ein halbes Jahr später erst stand ein Bericht in der Zeitung: Irgendwas hätte mit einer bestimmten Tablette nicht gestimmt." Die Aufdeckung des Skandals nahm ihren Lauf. Ärzte stellten fest: Die Behinderungen von Constanze von Canal sind tatsächlich die Folgen von Contergan.

Und heute? Trotz ihrer Schädigung hat Constanze von Canal etwas aus Bernkastel-Kues erreicht, was viele Contergan-Opfer wegen ihrer Behinderungen oft niemals schaffen: Sie hat einen Job. Seit 29 Jahren arbeitet sie beim Trierer Landesuntersuchungsamt als Chemielaborantin. "Ich muss aber langsamer machen", sagt sie, "die Arbeitszeiten habe ich schon gedrosselt. Die Belastungen und Schmerzen werden im Alter größer." Neben der Taubheit machen der 50-Jährigen eine Gesichtslähmung und die verkrümmte Wirbelsäule zu schaffen - alles Contergan-Folgen. Constanze von Canal versucht dagegen anzukämpfen: "Ich mache viel Sport. Yoga, Meditation, Schwimmen."

Ihre größte Passion: das Malen. Seit mehr als 20 Jahren geht sie ihr nach. Von Canals Lieblingsmotive: Häuser, Porträts, Mohnblumen - das meiste in Aquarell und Acryl: "Es gibt mir so viel Kraft. Ohne das Malen wäre meine Seele so still und ruhig." Für von Canals Kunstverständnis sind Farben das Allerwichtigste. Kräftig müssen sie sein, denn ihre Bilder sollen das Herz erwärmen, wie sie sagt. Vielleicht ist es diese Passion, die ihr so viel Kraft gibt.

Infos zu Constanze von Canal als Künstlerin: www.connie-art.de.