| 18:06 Uhr

Interview Eckart von Hirschhausen
„Das Alter ist besser als sein Ruf!“

Weitere Gipfelerstürmungen vor Augen: Eckart von Hirschhausen (rechts) und sein Co-Buchautor Tobias Esch sehen dem Altwerden absolut positiv und zuversichtlich entgegen.
Weitere Gipfelerstürmungen vor Augen: Eckart von Hirschhausen (rechts) und sein Co-Buchautor Tobias Esch sehen dem Altwerden absolut positiv und zuversichtlich entgegen.
Trier. Der Mediziner, Kabarettist und Buchautor spricht über die Vorteile der zweiten Lebenshälfte. Von Bernd Wientjes

() Er zählt zu den bekanntesten Medizinern im deutschen Fernsehen: Eckart von Hirschhausen. Der 51-Jährige ist Kabarettist, Moderator und Autor. In seinem neuen Buch „Die bessere Hälfte“ beschäftigen er und sein Co-Autor, der Arzt Tobias Esch, sich mit der  Mitte des Lebens und dem Altwerden. Darüber und ob man Angst vor dem Alter haben muss, sprach unser Redakteur Bernd Wientjes mit Eckart von Hirschhausen.

Herr von Hirschhausen, ab wann ist man denn alt? Mit 50, 60, 70 oder 80?

ECKART VON HIRSCHHAUSEN Wenn man sich beim Schuhezubinden fragt: Was kann ich noch erledigen, wo ich schon mal hier unten bin (lacht). Nein, im Ernst, das ist eine sehr subjektive Wahrnehmung. Ich fühle mich zum Beispiel jünger als ich bin – zehn Jahre mindestens. Teile von mir, insbesondere die Knie, sind etwas vorgealtert, dafür habe ich ein beinahe kindliches Gemüt. Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir älter werden. Wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen!

Udo Jürgens sang einst „Mit 66 Jahren fängt das Leben an“. Hat er recht gehabt?

VON HIRSCHHAUSEN Das lässt sich nicht an einer konkreten Zahl festmachen, aber in der Tat kommt in der zweiten Hälfte noch sehr viel Schönes. Glück und Zufriedenheit verlaufen bei vielen Menschen wie ein großes U: Mit einer guten Portion Selbstüberschätzung geht man als Jugendlicher in die Welt raus. In der Mitte des Lebens kommt dann der Einsturz, viel Stress entsteht, weil man das verteidigen will, was man bis dahin erreicht hat. Danach tritt im besten Fall die Gelassenheit wieder ein. Wenn man diese U-Kurve kennt, kann man sich in der Lebensmitte bereits weniger Stress machen, weil man weiß, dass danach noch das Bonbon kommt.

Wie kann man sich aufs Altwerden vorbereiten?

VON HIRSCHHAUSEN Finden Sie nicht auch, dass in dieser Frage gleich etwas Angst vor dem Altwerden mitschwingt? Ich bin ja im vergangenen Jahr 50 geworden,  und plötzlich wurde mir klar: Es liegt weniger vor mir als hinter mir. Das war und ist für mich aber kein Grund, Angst vor dem Alter zu haben. Ein Problem hat man doch wirklich nur, wenn man nicht 50 wird! Um es klar zu sagen: Das Alter ist besser als sein Ruf! Die meisten Menschen sind mit 70 besser drauf als mit 17. Altern ist kein Abgesang – altern ist Leben für Fortgeschrittene.

Warum hat Alter überhaupt so einen schlechten Ruf? Warum haben Menschen Angst, alt zu werden?

VON HIRSCHHAUSEN Das Leben kann grausam und ungerecht sein. Es gibt Einsamkeit, schwere Schicksalsschläge und Krankheiten wie Krebs oder Demenz. Erstaunlicherweise bedeutet Krankheit aber nicht automatisch Unglücklichsein. Die Forschung zeigt, dass es Älteren oft gelingt, ihre Zufriedenheit von körperlichen Gebrechen loszukoppeln. Das nennt man ‚Wohlfühlparadoxon’. Man setzt die Erwartungen nicht mehr so hoch, kann loslassen, wird gelassener.

Also ist Alter mehr als Siechtum, Treppenlift und wasserdichte Matratze. Wie kann man denn gesund alt werden?

VON HIRSCHHAUSEN Indem man alles weglässt, was es verkürzt! In meinem Liveprogramm ‚Endlich!’ bringe ich es ganz einfach auf den Punkt: 15 Jahre unseres Lebens hängen am Lebensstil. Es gibt keine Tablette, keine Operation und erst recht keine Creme, die uns besser schützen als fünf ganz einfache Dinge des Alltags: nicht rauchen, sich bewegen, Gemüse, erwachsen werden und Kind bleiben. Und wen die Langfassung interessiert, Sie sind herzlich eingeladen,  in mein Programm zu kommen!

Wer also gut lebt, der wird auch gut alt?

VON HIRSCHHAUSEN Zu einem guten Lebensstil gehört aber auch, dass man sich freuen sollte, wenn man bisher nicht gestorben ist. Die Tatsache, dass wir älter werden, ist doch etwas Fantastisches. Ich mag es einfach nicht, dass man das ständig nur als Hiobsbotschaft verkauft. Die Alternative ist, früh zu sterben – wer will das denn? Älter werden ist doch ein Traum der Menschheit gewesen. Wir leben im Schnitt zehn, manchmal sogar 20 Jahre länger als die Generation unserer Großeltern. Was hätten die dafür getan, so sicher und gut versorgt aufzuwachsen wie wir? Worüber beschweren wir uns?

Einige Ältere meinen ja, sie müssten die ewige Jugend konservieren, indem sie sich bewusst jugendlich geben. Ist ein 70-Jähriger, der ein Basecap trägt und bis nachts in der Disco tanzt, hipp oder peinlich?

VON HIRSCHHAUSEN Ich sage ja immer: Ich vermisse meine Jugend nicht. Ich kann noch alles wie früher, nur halt nicht mehr am selben Tag. (lacht) Ich war gerne 20. Und jetzt bin ich gerne 51. Ich persönlich finde es albern, wenn 70-Jährige mit tiefhängenden Jeans und Basecap rumlaufen und sich für jugendlicher halten, als sie sind. Ich bin froh, dass ich inzwischen weiß, dass ich nichts verpasse, wenn ich mir nicht bei lauter Musik und gebrüllten Gesprächsfetzen die Nächte um die Ohren schlage, sondern mit einem guten Buch mich entspannt ins Bett lege. Mir ist wichtig, geistig fit zu bleiben. Es gibt eine wichtige Frage: Wann hast du das letzte Mal was zum ersten Mal gemacht? Das kann ein Lebensmotto werden, denn Neues hält uns wach.

Das Interview führte
Bernd Wientjes

Das Buch: Eckart von Hirschhausen, Tobias Esch, „Die bessere Hälfte. Worauf wir uns mitten im Leben freuen können“, Verlag Rowohlt, 288 Seiten, ISBN:  978-3-498-03043-8, 18 Euro.