Das Biotop wird geschlossen

Mit dem Schlussverkauf ist es wie mit vielen nostalgischen Erscheinungen: Jahrelang hat man sie kaum beachtet, aber wenn sie irgendwann verschwinden, sieht man es mit einem gewissen Unbehagen. Dabei haben die grassierende Billigpreis-Wut und die Ganzjahres-Schnäppchenjagd dem einstigen Rabatt-Biotop längst die Geschäftsgrundlage entzogen. Wer rund um die Uhr mit Sonderpreisen und Spezial-Verkäufen zugeschüttet wird, braucht nicht mehr bis zu einem fixen Termin zu warten. Und den ursprünglichen Sinn des Winter- und Sommerschlussverkaufs, das Leeren überquellender Lager, hatten die Händler schon lange ins Gegenteil verkehrt, kauften sie doch immer öfter die Ware extra für das große Spektakel ein. Es bröckelte schon kräftig in den letzten Jahren, und mit der Liberalisierung der Rabattgesetze schlug die Bundesregierung dem Schlussverkauf endgültig den letzten Sargnagel ein. Dass sich die Einzelhändler angesichts der herrschenden Umsatz-Flaute an jeden Strohhalm klammern und den Schlussverkauf nicht sang- und klanglos sterben lassen wollen, ist verständlich. Wenn sie es schaffen, sich selbst zu organisieren und gemeinsam im Januar und August bundesweite Groß-Verkaufsaktionen zu organisieren, sollte man ihnen keine Hindernisse in den Weg legen. Umgekehrt gilt aber auch: Es kann nicht Aufgabe des Gesetzgebers sein, die gerade abgerissenen Schutzzäune wieder hoch zu ziehen. Wenn es weiterhin, unter welchem Namen auch immer, eine Art Schlussverkauf geben sollte, dann nicht in einem gesetzlich geschützten Reservat, sondern als kollektive Marketing-Aktion des Handels. Aber solange dort die Mutter aller Schnäppchen, koste es was es wolle, nur "Geiz ist geil" brüllt, wird aus der Selbsthilfe wohl nichts werden. d.lintz@volksfreund.de

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