Das Domino-System

Deutschland steuert auf einen Pleite-Rekord zu. Fast 100 000 Insolvenzen werden in diesem Jahr bei den bundesweiten Amtsgerichten eingereicht. Das ist gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung von fast 19 Prozent.

Maßgeblichen Anteil an dem Pleite-Höhepunkt haben Verbraucher und ehemals selbstständig Tätige. Rund 60 000 Privatpersonen können ihre Schulden regulär nicht mehr begleichen. Die Insolvenz hilft ihnen, sich zu entschulden. Das ist gegenüber 2002 eine Steigerung um 28,7 Prozent. Bei den Unternehmenspleiten zeichnet sich dagegen "nur" eine Steigerung um 5,5 Prozent auf knapp 40 000 Betriebe ab. Vor allem die kleinen Betriebe fallen dem Pleitegeier zu Opfer. Rund 70 Prozent aller insolventen Betriebe beschäftigen nur einen bis fünf Mitarbeiter. Unternehmen mit mehr als einhundert Mitarbeitern sind nur mit einem Prozent an den Insolvenzen beteiligt. Auch mit Blick auf den Umsatz zeigt sich, dass die Insolvenzwelle fast ausschließlich die kleinen Betriebe erfasst: Knapp 40 Prozent der Pleitebetriebe haben einen Umsatz zwischen 500 000 und fünf Millionen Euro aufzuweisen. Die Hintergründe für diese traurige Tendenz liegen auf der Hand. Bei den kleinen und mittleren Betrieben ist die Finanzdecke zu kurz, um Ausfälle oder auch nur verspätete Zahlungen noch zu kompensieren. Und so erinnert die deutsche Pleitewelle fatal an ein Domino-System. Geht ein Unternehmen pleite, stolpern schnell andere Firmen, die auf ihren Außenständen sitzen bleiben, Mitarbeiter verlieren ihren Job - und auch ihnen droht die Zahlungsunfähigkeit. Der Schaden geht in die Milliarden: Die finanziellen Nachteile, die sich für Unternehmen, Privatpersonen und öffentliche Hand ergeben, summieren sich in diesem Jahr auf über 40 Milliarden Euro. 613 000 Menschen verlieren 2003 durch Pleiten ihren Job. Das hat auch die Politik erkannt. Sie will nun in Sachen Zahlungsmoral härtere Regeln einbringen. Das kann sicher den einen oder anderen Betrieb retten. Doch damit die Pleitewelle langfristig abklingt, müssen Privatpersonen und Firmen umdenken. Jedem Verbraucher sollte eigentlich klar sein, dass man sein Leben nicht nur auf Pump aufbauen kann. Und viele Firmen gehen in Insolvenz, weil sie ihr Rechnungs- und Mahnwesen sträflich vernachlässigen. Die Pleite fängt meist im eigenen Chaos an. h.waschbuesch@volksfreund.de