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Das Ende der Grüne-Hölle-Romantik

Sport- und Tourenwagen-Rennen auf der Nordschleife ziehen nicht nur große Fahrerfelder, sondern auch die Besucher zu Zehntausenden an die Rennstrecke in der Eifel. TV-Fotos (2): Jürgen C. Braun
Sport- und Tourenwagen-Rennen auf der Nordschleife ziehen nicht nur große Fahrerfelder, sondern auch die Besucher zu Zehntausenden an die Rennstrecke in der Eifel. TV-Fotos (2): Jürgen C. Braun FOTO: Jan Brucke (g_pol3 )
Nürburgring. Der Nürburgring stand einmal für faszinierenden Motorsport auf der "schönsten und schwierigsten Rennstrecke der Welt". Er barg Namen und Dramen, die ein großes Stück deutscher Sport- und Zeitgeschichte waren. Doch der "Mythos Nordschleife", so hat es den Anschein, zerstört sich selbst in einem Prozess regelrechter Untergangsszenarien nach immer neuen schlechten Nachrichten. Der tödliche Unfall vom Samstag trifft den Ring und die Menschen, die dort wohnen, an einer besonders empfindsamen Stelle. Jürgen C. Braun

Nürburgring. Wer in den kleinen Kelberger Ortsteil Zermüllen (Kreis Vulkaneifel), von der Autobahn 60 her kommend, hereinfährt, der hat nicht nur nach einigen Häusern den Flecken bereits wieder hinter sich, sondern auch ein Schild mit Symbolcharakter vor Augen. "Rasen ist out" steht dort auf einer blechernen Tafel am Beginn einer gefährlichen, weil kurvigen Bergauf-Strecke der schmalen Landstraße hinauf nach Müllenbach. "Rasen ist out": Sicherheitshinweis oder drohendes Menetekel nur zwei Kilometer entfernt von jener alt-ehrwürdigen Rennstrecke, die in etwas mehr als zwei Monaten 88 Jahre alt wird und Generationen von Eifelern Brot und Auskommen beschert hat. "Rasen ist out": Ist es wirklich bald so weit?
Die Formel 1 ist schon weg


Die Formel 1, einst Höhepunkt eines Rennjahres und stolzer Verdienstorden am Revers eines Rennstreckenbetreibers, hat der Region, die zum millionenschweren Vergnügungszentrum werden sollte und dann zum neunstelligen Steuergrab mutierte, für dieses Jahr schon den Rücken gekehrt. Zu teuer, nicht mehr rentabel, der interessierten Klientel nicht mehr zeitgemäß.
Was blieb, war die Hoffnung auf andere Veranstaltungen: den Breitensport, die Langstrecken-Rennen, zehn an der Zahl pro Saison. Und mit ihnen vielleicht auch das zuschauerträchtigste Spektakel, das 24-Stunden-Rennen. Doch seit Samstag wabert auch über dieser scheinbar sicheren Einnahmequelle der dunkle Nebel drohender Ungewissheit. Die schnellsten und spektakulärsten Autos dürfen vorerst nicht fahren, bis geklärt ist, warum es zu diesem folgenschweren Unfall "am Flugplatz" kam.
"Um einen aufgemotzten Opel Astra zu sehen, kommen die Leute nicht an den Ring." Philipp Leisen, seit Jahren aktiver Rennfahrer auf der Nordschleife und gleichzeitig Geschäftsführer eines Betriebs in Irrel in der Südeifel, bringt das Dilemma auf den Punkt. "Natürlich muss etwas getan werden, natürlich muss Ursachenforschung betrieben werden, natürlich geht Sicherheit vor. Aber es müssen von allen Beteiligten Lösungen gefunden werden, die auch die Attraktivität der Rennen gewährleisten. Ohne die Dicken kommt kein Fernsehen mehr, gibt es keine Werbe-einblendungen mehr, verliert die Industrie das Interesse."
Doch es ist nicht nur die scheinbare Agonie großer Teil des Motorsports, die den Menschen in der Umgebung Angst macht. "Für uns war Rock am Ring immer wichtiger als die Formel 1. Das waren immer an die 80 000 Besucher und mehr, die für fast eine Woche hier waren. Das war ein fest einkalkulierter Batzen Geld", sagt man uns gleichermaßen an einer Tankstelle und einem direkt daneben liegenden Discountermarkt in Sichtweite der Rennstrecke. Die Formel-1-Fans seien schon lange nicht mehr in Scharen gekommen wie noch früher.
"Zu Schumi-Zeiten kamen die ersten Rot-Käppchen schon morgens um sechs und wollten belegte Brötchen haben. Aber den Leuten ist der Zirkus zu teuer geworden."
Und langweilig sei es eben inzwischen auch: "Rennen, die vom Computer entschieden werden, kann man sich auch auf der Playstation ansehen."
Realer Überlebenskampf


Und wenn es jetzt auch noch an die Basis, an die Amateurveranstaltungen gehe, dann "trifft uns das ganz empfindlich. Das sind nämlich die, die immer kommen." Ins gleiche Horn bläst man auf Nachfrage des TV hin auch im Restaurant Zur Welcherather Einkehr: "Wir leben in erster Linie von den Leuten, die nicht nur einmal im Jahr an den Ring kommen."
Angesichts eines solch realen Überlebenskampfs kleiner, mittelständischer Unternehmen wie eben Tankstellen, Pensionen, Hotels, Bäckereien und Metzgereien ist man beim Deutschen Motorsportbund um schnellstmögliche, nachhaltige und wirksame Sicherheitsvorkehrungen bemüht. "Wir müssen die Details zum Unfallhergang analysieren, über notwendige Konsequenzen beraten und diese dann umsetzen. Erst danach können Fahrzeuge mit ähnlichen Leistungsdaten wie das Unfallfahrzeug wieder auf der Nordschleife zum Einsatz kommen", sagt Christian Schacht, der Generalsekretär des Deutschen Motorsportbundes. Da das betroffene Fahrzeug jedoch von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt worden sei, könne der DMSB bisher nicht auf dessen Daten zugreifen.
In einem Punkt verfolgen der Verband und die Menschen am Ring wohl die gleichen Interessen. So wird der DMSB-Funktionär mit den Worten zitiert: "Unser erklärtes Ziel ist es, auf der Nordschleife dauerhaft sicheren Motorsport zu ermöglichen. Für Teilnehmer wie für Zuschauer."