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Das Geschäft mit dem Panik-Virus

Das Geschäft mit dem Panik-Virus

TRIER. Obwohl die Politiker betonen, trotz des Ausbruchs der Vogelgrippe bestehe kein Grund zur Panik, schüren sie durch die Vorbereitung auf eine nicht ausgeschlossene Pandemie die Angst. Zudem blüht im Internet das Geschäft mit dem Virus.

Ein Virus hat Deutschland im Griff - das Panik-Virus. Seit sich die Vogelgrippe in der Bundesrepublik ausbreitet (nach Mecklenburg-Vorpommern wurden nun auch Fälle in Schleswig-Holstein und am Bodensee nachgewiesen), wird in den Ministerien und Krisenstäben nicht mehr über die Tierseuche gesprochen, sondern nur noch darüber, wie man die Bevölkerung vor einer Pandemie, also einer weltumgreifenden Grippewelle, schützen kann. Dabei gibt es auch weiterhin kein Anzeichen dafür, dass sich der H5N1-Virus in seiner jetzigen Form von Mensch zu Mensch überträgt. Das Robert-Koch-Institut schätzte auch gestern das Risiko für das Ausbrechen einer Pandemie als unverändert, sprich relativ gering ein. "Man müsste schon mit toten Schwänen schmusen, um sich mit dem gefährlichen Erreger H5N1 anzustecken", hieß es diese Woche in der Financial Times Deutschland. Doch die Politiker vermitteln derzeit das Gegenteil, auch wenn sie immer wieder betonen, dass es keinen Grund zur Panik gebe. Die Debatten in den Bundesländern über die Bevorratung des im Falle einer Pandemie angeblich einzigen wirksamen Medikaments Tamiflu beunruhigt die Bevölkerung. Erst diese Woche hat Rheinland-Pfalz angekündigt, seinen an einem geheimen Ort gelagerten Vorräte an Pillen mit dem Wirkstoff Oseltamivir im Laufe des Jahres aufzustocken, so dass zumindest 20 Prozent der Bevölkerung im Ernstfall versorgt werden könnten (der TV berichtete). Bei vielen Bürgern entsteht der Eindruck, der Ernstfall steht bevor. Wenig hilfreich sind dabei auch Bekenntnisse des anerkannten WDR-Wissenschaftredakteurs Ranga Yogeshwar und der Ex-NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn in einer Fernsehsendung, sie hätten (vermutlich über dunkle Kanäle) das verschreibungspflichtige Tamiflu vorsorglich zu Hause im Kühlschrank eingelagert. Das schürt Panik. Wirksamkeit nicht erwiesen

Auch im Internet spiegelt sich die Angst vor dem Virus wider. Gibt man den Begriff Tamiflu in der Suchmaschine Google ein, wird man auf über acht Millionen (!) Treffer verwiesen. Darunter auch einige Internet-Apotheken, die mit der Angst der Leute Geschäfte machen wollen. Ein US-Unternehmen bietet eine Packung mit zehn Pillen für 139,95 Dollar an, natürlich rezeptfrei. Der reguläre Abgabepreis dieser Packung in deutschen Apotheken liegt bei 33,36 Euro, allerdings gibt es Tamiflu nur auf Rezept. Die Großpackung mit 60 Kapseln gab es bei der US-Internet-Apotheke gestern zum Sonderpreis von 215,95 Dollar. Dabei ist die Wirksamkeit des vom Schweizer Pharmakonzern Roche hergestellten Tamiflu, dessen Umsatz seit 2004 um 357 Prozent gestiegen ist, gar nicht erwiesen. Die Substanz mildert nach Expertenansicht lediglich den Verlauf einer Grippeinfektion, verhindern kann es sie angeblich jedoch nicht. Zwar soll Tamiflu die Sterblichkeit (beim Ausbrechen einer Pandemie rechnet man mit 80 000 bis 120 000 Toten allein in Deutschland) senken, nachgewiesen ist das bislang allerdings nur in von Roche mitfinanzierten Studien. Zudem befürchten Ärzte, dass der Vogelgrippe-Virus schnell zu einem neuen Typ mutieren kann, der gegen das Medikament resistent sein könnte. Nicht nur mit Tamiflu wird derzeit Geld gemacht. Ein auf Berufsbekleidung spezialisiertes Unternehmen aus Dortmund wirbt auf seiner Homepage unter der Rubrik "Aktuell Vogelgrippe": "Wir haben für den Notfall passende Produkte." Angeboten werden unter anderem "Feinstaubmaske mit Ausatmungsventil gegen Vogelgrippe" und "Einweg-Schutzanzug zum Beispiel einsetzbar gegen Vogelgrippe". Doch die Panik treibt noch weitere Blüten im Internet. Auf der Seite "survivetheflu.com" ("Überlebe die Grippe") wird nicht nur geraten, genügend Lebensmittel und Wasser für den Ernstfall zu kaufen, sondern auch sein Testament zu aktualisieren.