Das Heischen nach Aufmerksamkeit

Das Heischen nach Aufmerksamkeit

Lehrer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Unruhestifter im Klassenzimmer sorgen dafür, dass Lehrer zunehmend ausgelaugt sind und der Unterricht zu kurz kommt. Woran liegt es, dass es immer mehr Störer gibt?

Trier. Die Zahlen sprechen für sich: In den vergangenen zehn Jahren haben pro Jahrgang weniger als zehn Prozent der Lehrer das Rentenalter von 65 Jahren erreicht. Die Mehrzahl scheidet wegen amtsärztlich diagnostizierter Dienstunfähigkeit durchschnittlich zehn Jahre früher aus dem Beruf aus. Die übrigen vorzeitig ausscheidenden Lehrer entscheiden sich für eine Frühberentung mit 62 oder 63 Jahren. Das sind Ergebnisse einer Befragung der Technischen Universität Dresden.
Als höchste Belastung wird immer wieder der Umgang mit schwierigen Schülern genannt - und der Lärm. Kein Wunder, dass in einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Lehrer und Bauarbeiter sich gleich gestresst fühlen: Zwei Drittel von ihnen leiden unter Zeitdruck und fühlen sich gehetzt. Auf Lehrer werde heute viel mehr Druck ausgeübt als vor Jahren, sagt auch Alexander Marcus. Er leitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Klinik Mutterhaus in Trier. Die Lernziele seien anspruchsvoller geworden, und die Schüler erwarteten einfach mehr als nur den klassischen Frontalunterricht. Der Unterricht stehe mittlerweile in Konkurrenz zur Informationsüberflutung der Schüler, sagt Marcus. Mit anderen Worten: Für viele Kinder ist der normale Unterricht langweilig geworden, sie schalten ab, werden unkonzentriert, unruhig, sie stören.
Auch die Trierer Schulpsychologin Anette Müller-Bungert weiß aus den Gesprächen mit Schülern, dass sie heute mehr erwarten, als dass ein Lehrer vor ihnen steht, referiert, Fragen stellt und irgendetwas an die Tafel schreibt.
Es sei "so viel Druck im System", sagt Rudolf Merod, Landeselternsprecher. "Von jedem Lehrer wird heute so viel verlangt, er soll jeden Schüler zum bestmöglichen Erfolg führen." Mehr als die Hälfte der Lehrer sei mit dem Unterricht unzufrieden, weiß Merod. Das liege vor allem daran, dass immer mehr Schüler den Unterricht störten. Die Gründe dafür, sagt Merod, seien unterschiedlich. Wenn jemand unruhig sei, könne er überfordert oder unterfordert sein. Oder es könne auch ein persönlicher Konflikt etwa zu Hause mit den Eltern Ursache sein, sagt der Elternsprecher. Einige der Störer versuchten, im Unterricht die Aufmerksamkeit zu bekommen, die sie vielleicht zu Hause nicht erhielten, meint Marcus.
Die Lehrer sehen durch solche Störer den Unterricht massiv in Gefahr. "Schüler, die aufgrund fehlender sozialer Kompetenzen oft verhaltensauffällig werden, gefährden zunehmend den Lernerfolg ihrer Mitschüler", sagt Bernd Karst. Er ist Landesvorsitzender des Realschullehrerverbandes. Zu oft gehe durch die Störer wertvolle Unterrichtszeit verloren und zwar in einem solchen Maße, dass das vieldiskutierte strukturelle Unterrichtsdefizit fast schon unbedeutend sei.
Verantwortung liegt bei Eltern


Mindestens elf Prozent des Unterrichts fielen durch Unruhe im Klassenzimmer aus, beklagt der Lehrerverband. In sechs Jahren mache das ein halbes Schuljahr aus. Es müsse in der Gesellschaft wieder ein Bewusstsein geschaffen werden, dass an allererster Stelle Eltern für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich seien, sagt Verbandssprecher Wolfgang Häring. "Lehren und unterrichten in der Gruppe kann man nur, wenn bestimmte Regeln eingehalten werden", sagt Karst.
Und genau an diesen Regeln scheint es einigen Schülern zu fehlen. In vielen Familien gebe es heute keine klaren Strukturen mehr, etwa keine festen Mahlzeiten, keine Konsequenzen bei Nichteinhaltung von Regeln, sagt Schulpsychologin Müller-Bungert. Genau diese Kinder hätten dann auch in der Schule Probleme, sich an Regeln zu halten und Anweisungen von Erwachsenen zu befolgen. "Kinder haben heute ein ungeheures Bedürfnis, gehört, gesehen, wahrgenommen und gelobt zu werden, und das einzeln. Sie können diese Bedürfnisse kaum für längere Zeit zurückstellen", sagt ein frustrierter Grundschullehrer. Wieso eigentlich erwarte die Gesellschaft von über 50-jährigen Lehrern, "dass sie als Einzelkämpfer mit 30 Schülern das schaffen, was gesunde junge Eltern mit einem oder zwei nicht schaffen"?
Elternsprecher Merod sieht aber nicht nur die Eltern in der Pflicht. Bei der von ihm initiierten Erziehungsoffensive, mit der das Problem der zunehmenden Unruhe im Unterricht angegangen werden soll, seien auch Lehrer, Schüler, Pädagogen und Vertreter des Bildungs- und des Jugendministeriums mit im Boot. Es gehe auch nicht um Schuldzuweisungen. Ziel sei es, Schule als Lebensraum zu schaffen. Ein erstes Treffen hat Anfang Februar stattgefunden.
Ein Ergebnis des Runden Tisches könnte sein, dass die Zahl der Schulsozialarbeiter erhöht wird. Sie könnten Lehrer im Umgang mit auffälligen Schülern unterstützen. Auch Kinder- und Jugendpsychiater Marcus sieht diese Notwendigkeit. Er schlägt vor, die Lehrer, die aufgrund rückläufiger Schülerzahlen nicht mehr gebraucht werden, dafür einzusetzen.Extra

Der Landeselternbeirat will im Rahmen einer Erziehungsoffensive gegen die zunehmende Unruhe in Klassenzimmern angehen. Als mögliche Ursachen für die Unruhe nennt der Verband der Realschullehrer fehlende häusliche Nestwärme und Erziehung, mediale Reizüberflutung, Über- oder Unterforderung im Unterricht oder auch Suchtprobleme. Bei der Erziehungsoffensive sollen Eltern und Lehrer fortgebildet werden zu Erziehungsfragen, die Schüler sollen zur strikten Einhaltung von Schulregeln und Hausordnungen verpflichtet werden, und in Modellversuchen soll der Einsatz zusätzlicher Hilfen getestet werden. wie

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