Das Herz des Katholikentags schlägt auf der Straße

Das Herz des Katholikentags schlägt auf der Straße

SAARBRÜCKEN. So manche katholische Einrichtung in der Region Trier dürfte dieser Tage verwaist sein. Was Beine hat, zu laufen, tummelt sich seit Donnerstag bis Sonntag beim Katholikentag in Saabrücken. Die Züge zwischen Trier und der Saar-Metropole sind dominiert von Menschen mit grünen Halsbändern und dicken Programmbüchern. Und auf den Saarbrücker Straßen trifft man massenhaft Trierer, Eifeler und Hunsrücker.

Auf dem Markt Sisyphus-Arbeit nennt man das, was die Caritas-Mitarbeiter am St. Johanner Markt leisten. Immer wieder putzen sie die Bänke vor der großen Live-Bühne trocken, wo sich gerade die Wittlicher Band "Mary Greenwood" im wahrsten Sinne des Wortes warm spielt. Aber kaum haben sie sich durch die Reihen durchgeschrubbt, tauft ein neuer Schauer die hölzernen Sitzgelegenheiten. Irgendwann haben die Wolken gewonnen, die Helfer geben auf. Das Publikum an diesem Katholikentagsmorgen ist dennoch resistent, verkriecht sich unter die Regenschirme der Platzgastronomie, um dem Schnürlregen zu trotzen. Das Ausharren lohnt sich, schon wegen der frechen Pfeile, die Reinhard Köster vom Trierer Kirchen-Kabarett "Champignons" von der Bühne abschießt. Den Namen seiner Truppe erklärt er damit, dass Champignons immer dort wüchsen, wo es viel Mist gibt - eben in der Kirche. Da amüsiert sich das Katholikentags-Volk, oder es bestaunt nebenan Marathon-Legende Herbert Steffny, der gemeinsam mit Caritas-Chefin Birgit Kugel das Laufband und die eigenen Muskeln zugunsten arbeitsloser Jugendlicher strapaziert - immerhin spendiert ein Sponsor 40 Euro pro gelaufenem Kilometer. Da laufen viele mit, Regen hin oder her. Unter Generationen Manche profitieren auch vom schlechten Wetter. Zum Beispiel Franz-Joseph Euteneuer. Die satirischen Anmerkungen des Leiters des Trierer Franziskus-Hauses zum Thema "Altern mit Lust" lassen die Aula der Willi-Graf-Schule, wo das Generationenzentrum untergebracht ist, derart aus den Nähten platzen, dass die freundlichen jungen Katholikentagshelfer den Saal sperren müssen. Euteneuer ist in seinem Element, das Publikum kennt zu gut die kuriosen Begebenheiten aus dem Senioren-Alltag in der Pfarrgemeinde, die er wirkungsvoll ausbreitet. Ob er von der "bio-negativen Olympiade" erzählt ("Wer hat die meisten Bypässe?") oder von der ungewissen "Jenseits-Währung" für Ehrenamts-Engagement, die Leute amüsieren sich köstlich. Und hören auch zu, wenn der Mann auf der Bühne ins Philosophieren gerät. Es herrscht lebhaftes Treiben in dem riesigen Schulkomplex, zwischen Kinderbetreuung und Musikbühne, Kirchencafé und Diskussionsforum. Viele Jüngere bringen sich hier ein, diskutieren zum Beispiel über "Werbung und Werte". Mitten im Getümmel steht Bernd Steinmetz als eine Art lebendes Auskunftsbüro. Normalerweise ist er Dozent an der katholischen Akademie in Trier, hier doziert er über die nächste Kindertoilette oder die geeignete Pizza-Ausgabestelle. Im Generationen-Getümmel braucht man gute Nerven. Dafür braucht man am anderen Ende der Stadt, im geistlichen Zentrum, Muße zum Nachdenken. Zum Beispiel, wenn Monika Lutz und Marientraud Brill über ihre Erfahrungen mit der Hospiz-Arbeit in Trier erzählen. Oder wenn Peter Rütten von der Lebensberatung Wittlich in einer Glaubenswerkstatt über Selbstgerechtigkeit diskutiert. Bei der Prominenz In der Kongresshalle am Saar-Ufer wird auch diskutiert, aber eher im großen Rahmen. Merkel, Juncker, Schäuble, Köhler: Hier geben die Prominenten ihre Visitenkarte ab. Vielleicht hat Stefan Herschler deshalb den besten Anzug samt Schlips und Weste angezogen, obwohl das klassische Katholikentags-Outfit aus Parka und Pullover besteht. Der Trierer mit den langjährigen Heilig-Rock-Erfahrungen schaut als ehrenamtlicher Helfer im Eingangsbereich der Kongresshalle nach dem Rechten. Bei ihm läuft vorbei, was Rang und Namen hat. Natürlich auch Bischof Reinhard Marx. Der ist einsamer Rekordhalter, mit elf Veranstaltungen im offiziellen Katholikentagsprogramm. Noch einmal so viele dürften kurzfristig dazukommen, schließlich muss sich der Gastgeber überall sehen lassen. Marx bemüht sich sichtlich, nicht zu sehr in gestreckten Galopp zu verfallen, aber man sieht ihm den harten Job als Akkord-Gottesdienstleister im Laufe der Zeit doch schon an. In den Straßen Das Herz des Katholikentags schlägt auf der Straße. Vom Bahnhof quer durch die ganze Fußgängerzone reiht sich Zelt an Zelt. Es ist eine Heerschau der katholischen Vielfalt, bisweilen mit höchst spannenden Kontrasten. Da stehen die bekennenden Alt-Katholiken keine zwanzig Meter Luftlinie entfernt vom winzigen Pavillon der "Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen", der sich vor dem Ansturm interessierter Besucher kaum retten kann. Wer will, kann durch Einwurf farbiger Kugeln in zwei Glaszylinder pro (schwarz) und kontra (rot) Pflichtzölibat abstimmen. Man wird bald Nachschub an roten Kügelchen brauchen. Bernd Morgen braucht dagegen eher Nachschub an Springseilen. In aller Frühe ist der Mann mit dem roten Käppi aus Gusterath angereist, um am Stand der DJK Dienst zu tun. Die katholische Sportbewegung liegt ihm am Herzen, vor allem der Nachwuchs. Da stellt er sich auch schon mal selbst vors Zelt und demonstriert Fitness durch Seilspringen. Dabei könnte er auch nebenan zur Vereinigung katholischer Medien gehen und sein eigenes Wort zum Sonntag einsprechen, in der Original-Deko, als Souvenir anschließend auf DVD mit nach Hause nehmen. Aber es ist wenig los in dieser ungemütlichen Witterung, man besucht sich gegenseitig, tauscht Informationen aus. Auch am Zelt der Kindertagesstätten, wo im Zwei-Stunden-Rhythmus immer neue Kindergärten ihre Arbeit präsentieren. Georg Binninger vom Trierer Generalvikariat sucht ein trockenes Plätzchen, während Wind und Regen ins Zelt schlagen. Aber es tut ihm nicht leid: "Klar, dass wir hier sind, es ist doch unser Katholikentag". Im Zentrum Es hat auch Vorteile, wenn man Gastgeber ist. Der Stand des Bistums Trier hat den allerbesten Platz des ganzen Katholikentags, gleich da, wo die Besucherströme vom Bahnhof auf die Kirchenmeile treffen. Die "Aktion Arbeit" hat hier das Sagen, wie man unschwer an dem knallroten "A" auf den Bannern erkennen kann, das nicht von ungefähr Assoziationen an revolutionäre Zeiten weckt. Hier ist das Gerechtigkeits-Motto der Veranstaltung spürbarer als anderswo, der Anspruch, Gesellschaft mitzugestalten. Arbeitslosen-Initiativen machen das "Programm", ganz handfest: Der Trierer Bürgerservice kümmert sich ums Catering, eine Gruppe aus Püttlingen hämmert Metallgegenstände zurecht, aus Merzig kommen junge Frisörinnen, in deren "Salon" sich schnell Warteschlangen bilden. Im großen Zelt stehen sich die Leute auf den Füßen. Moderatorin Beate Stoff aus Osburg berichtet, dass Bundeskanzlerin Merkel mit großem Gefolge im Zelt war und die Projekte besucht hat. Man ist stolz, auch auf den guten Umsatz der "Arbeitsplätzchen", die die Katholische Frauengemeinschaft vor Ort backt und zugunsten der Aktion Arbeit gegen Spende abgibt. Am Ruhepol Der Katholikentag ist oft laut, manchmal hektisch. Aber er ist auch von einer ergreifenden Feierlichkeit. Zum Beispiel am späten Nachmittag in St. Michael, einer wunderschönen Kirche mit modern gestaltetem Tonnengewölbe und einer umwerfenden Akustik. Mehr als 130 Chorsänger aus Trier zelebrieren hier mit Kollegen aus Dillingen, dem Organisten Martin Welzel und den Mainzer Dombläsern vor voll besetztem Haus ein Konzert mit Höhepunkten englischer Kathedralmusik. Der Domchor und der in der Trierer Basilika beheimatete Bachchor haben sich für diesen Anlass zusammengetan, ihre Leiter Stephan Rommelspacher und Martin Bambauer teilen sich das Dirigat. Treffsicher vermeiden sie das nur Spektakuläre, bieten Musik von unaufdringlicher Größe, vom Barock-Musiker Henry Purcell bis zum zeitgenössischen John Rutter. Der Einklang von Stimmen und Instrumenten füllt den Raum, jagt Gänsehaut-Schauer über den Rücken, um sich dann wie Balsam auf die Seelen zu legen und allen Katholikentags-Stress zu vertreiben. Erst ganz am Ende, bei der Zugabe, nähert sich das Programm mit "Jerusalem" dem "Last Night of the Proms"-Klischee, mit dem der Veranstaltungs-Titel "Very british" spielt. Aber auch da meidet man billige Effekte, musiziert innig und ernsthaft. Ach ja: Ein Beitrag zur praktizierten Ökumene ist das gemeinsame Konzert auch. Mehr vielleicht als manch lautstarkes Getöse auf diesem Katholikentag. Weiterer Bericht: SEITE 24

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