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Das Hin und Her deutscher Pillen

Das Hin und Her deutscher Pillen

Viele Medikamente, die in Deutschland verkauft werden, sind aus dem Ausland importiert. Das Geschäft mit reimportierten Arzneimitteln blüht. Auch bei dem nun ins Visier der Ermittler geratenen Unternehmen CC Pharma in Densborn (Vulkaneifelkreis).

Trier. Der Verdacht besteht schon länger. Bereits im Frühjahr stand das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden mit Behörden auf Zypern in Kontakt. Die Ermittler baten um Unterstützung. Sie hatten Wind davon bekommen, dass das seit vier Jahren in Densborn sitzende Unternehmen CC Pharma angeblich Krebsmedikamente aus der Türkei in Deutschland verkauft. Die Spur führte nach Zypern. Dort soll einer der Mitinhaber des 1999 am Niederrhein gegründeten Unternehmens eine Firma geleitet haben, die für die Türkei produzierte Medikamente nach Deutschland exportiert.

Im April sagte CC-Pharma-Geschäftsführer Norbert Klein unserer Zeitung, dass das Densborner Unternehmen sich an die in Deutschland geltenden Gesetze halte. Danach würden nur Medikamente importiert, die in der EU zugelassen sind. Zumeist handele es sich dabei um Medikamente, die in Deutschland produziert und dann im Ausland zu billigeren Preisen als hier verkauft werden sollen. CC Pharma kauft diese Mittel bei dortigen Pharmagroßhändlern und führt sie dann wieder in Deutschland ein, reimportiert sie also. Das ist legal.

Der Markt der sogenannten Arzneimittel-Reimporte boomt. Bei diesen Mitteln handelt es sich um Originalprodukte, wie sie auch in Deutschland angeboten werden. Deutsche Pharmakonzerne vertreiben ihre Pillen, Salben und Tropfen in verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Preisen. Eine 20-er Packung Aspirin kostet etwa in Griechenland rund 70 Cent, in Frankreich 1,30 Euro und bei uns mehr als fünf Euro. Grund: Die Hersteller richten die Preise an der Kaufkraft und der finanziellen Ausstattung des Gesundheitssystems des jeweiligen Landes aus.

Obwohl die reimportierten Medikamente in Deutschland nicht zum gleichen Preis wie im Ausland verkauft werden, sind sie im Schnitt immer noch um bis zu 20 Prozent billiger als die für den deutschen Markt produzierten Arzneimittel.

35 Unternehmen wie CC Pharma gibt es in Deutschland. Sie verdienen mit dem Verkauf der billigeren, aber gleichwertigen Medikamente, etwa an Krankenhausapotheken. Auch in normalen Apotheken sind die Reimporte zu haben. Bei verschreibungspflichtigen Medikamenten muss der Arzt auf dem Rezept vermerken, dass auch ein aus dem Ausland eingeführtes Mittel von der Apotheke herausgegeben werden darf. Trotz des heftigen Protestes der Pharmaindustrie, die auch durch den Druck der Politik beim zunehmenden Medikamenten-Reimport ihre Gewinne schmelzen sieht, ist das Hin- und Herverkaufen der Arzneimittel innerhalb Europas legal.

Illegal wird das Geschäft dann, wenn die Medikamente, auch wenn sie in Deutschland hergestellt wurden, aus Nicht-EU-Ländern wie etwa der Türkei eingeführt werden. Laut Arzneimittelgesetz sind diese Medikamente, unabhängig von ihren Wirkstoffen, in Deutschland nicht zugelassen und dürfen auch nicht verkauft werden.

Erst vergangene Woche machte CC Pharma Schlagzeilen, als das Unternehmen ankündigte, 37 Mitarbeiter zu entlassen. Begründet wurde dies unter anderem mit der Gesundheitsreform. Diese verlangt, dass Arzneimittel in Deutschland, auch reimportierte, in den nächsten drei Jahren nicht teurer werden dürfen. Viele Produkte seien dann für CC Pharma nicht mehr rentabel, hieß es. Unklar, ob die CC-Pharma-Chefs da schon von den Ermittlungen wussten.

Meinung

Eine Branche außer Kontrolle

Das Geschäft mit Pillen und Salben ist ein Milliardengeschäft. Allein in Deutschland werden jährlich über 32 Milliarden Euro für verschreibungspflichtige Arzneimittel ausgegeben. Da ist es wenig verwunderlich, dass gerade die Pharmabranche anfällig ist für kriminelle Machenschaften. Es wird geschmiert, bestochen und falsch abgerechnet. Hinzu kommt die Preistreiberei der Pharmakonzerne. Sie diktieren die Preise etwa für moderne Krebsmedikamente. Das verteuert die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen. Die Politik verordnet einen Sparzwang nach dem anderen: Die Arzneimittelausgaben sollen trotz teurer werdender Medikamente sinken. Das wiederum setzt bei einigen am Pharmabetrieb Beteiligten neuerliche kriminelle Energie frei. Sie steigern ihre Gewinne etwa mit dem Verkauf billiger, aber in Deutschland verbotener Pillen aus dem Ausland. Die Pharmabranche ist außer Kontrolle geraten. Ermittler können mit Aktionen wie gestern in der Eifel allenfalls Nadelstiche setzen. b.wientjes@volksfreund.deExtra Arzneimittelzulassung: In Deutschland dürfen nur Arzneimittel verkauft werden, die hier zugelassen sind. Zuständig dafür ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn. Dort werden alle für den deutschen Markt vorgesehenen Produkte auf Nutzen und Risiko untersucht. Ist ein Mittel in einem anderen EU-Land zugelassen, darf es auch in Deutschland verkauft werden. Damit wird es Pharmakonzernen einfacher gemacht, Arzneimittel auf den Markt zu bringen. (wie)