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"Das ist, als würden sie nicht die Bremsen, sondern den Airbag kontrollieren"

"Das ist, als würden sie nicht die Bremsen, sondern den Airbag kontrollieren"

"Mangelhaft" lautete 2012 das Ergebnis des Stresstests für das Kernkraftwerk Cattenom. Der damalige offizielle Beobachter Dieter Majer glaubt nicht, dass die Anlage seitdem wesentlich sicherer geworden ist.

Trier. Dieter Majer hatte als offizieller "Stresstest"-Beobachter die Möglichkeit, an drei Tagen im August 2011 der Betriebsmannschaft von Cattenom über die Schultern zu schauen. Was er dabei in dem Kernkraftwerk und später in den Unterlagen gesehen hat, machte ihn zu einem der größten Kritiker der Anlage. "Dass Atomreaktoren wirklich sicher betrieben werden können, ist ein Märchen", steht für den ehemaligen Leiter des Bereichs Sicherheit kerntechnischer Anlagen im Bundesumweltministerium fest.
Im Bezug auf Cattenom wird er noch deutlicher: "Diese Anlage sollte abgeschaltet werden, bis die bestmögliche Schadensvorsorge und -versorgung gewährleistet ist. Davon ist Cattenom aber derzeit weit entfernt." Die Angst vor einem wirklich auch für die Bevölkerung gravierenden Unfall im drittgrößten Kernkraftwerk Frankreichs hat den Diplomingenieur im Ruhestand zum Vortragsreisenden und Mahner werden lassen. Mangelnde Erdbebensicherheit, zu geringer Hochwasserschutz, mangelhafte Messinstrumente, unsichere Notfallgeneratoren, rostige Leitungen oder Defizite beim Lagerbecken für die Brennelemente - die Liste der Kritikpunkte, die er dann aufzählt - zuletzt am Mittwoch auf Einladung des AntiAtomNetzes Trier - ist lang.
Und immer betont Majer, dass der nach dem Super-Gau von Fukushima von der Politik verordnete Stresstest für Atomkraftwerke nicht die wirklich sicherheitsrelevanten Dinge prüfe, sondern lediglich, wie im Falle eines großen Störfalls dessen Folgen möglichst gering gehalten werden können. "Verglichen mit einem Autounfall ist das in etwa so, dass nicht die Bremsen kontrolliert werden, sondern, ob der Airbag funktioniert."
In Cattenom habe der Stresstest eine so große Mängelliste ergeben, dass diese frühestens bis 2018 abgearbeitet werden könne. So seien beispielsweise die Kontrollräume bei bestimmten Störfallbedingungen nicht begehbar. Die Richtlinien für die Bedienmannschaften seien für extreme Situationen nicht geeignet. "Ein besonders großes Sicherheitsproblem würde es bei blockübergreifenden Unfällen geben."
Der ehemalige Stresstest-Beobachter gesteht zwar ein, dass er nicht wisse, was der Betreiber EDF seit 2012 konkret in Sicherheitsfragen unternommen habe. "Dass der Betreiber den Terminplan für die Abarbeitung der Defizite nach hinten verschoben hat, ist aber kein gutes Zeichen."
Zufrieden ist Dieter Majer mit dem, was die Landesregierungen aus seinen Erkenntnissen gemacht haben. "Allerdings wünsche ich mir mehr Bestimmtheit bei der Forderung nach einer Abschaltung von Cattenom."