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"Das ist auch ein Erfolg Merkels"

"Das ist auch ein Erfolg Merkels"

Washington. Am Dienstag klingelte im Kanzleramt in Berlin das Telefon. Am anderen Ende der Leitung: US-Präsident George W. Bush. Der Zweck seines Anrufes: Die deutsche Regierungschefin Angela Merkel persönlich darüber zu informieren, dass man eine abrupte Wende in der bisherigen Politik gegenüber dem Iran plane – und den Mullahs in Teheran am nächsten Tag nach Jahrzehnten der Funkstille erstmals offiziell direkte Gespräche anbieten werde.

Zudem, so betonte Bush, solle die Diplomatie in dem Nuklear-Konflikt weiter höchste Priorität genießen. Unter deutschen Diplomaten in Washington zeigte man sich angesichts des Anrufs aus dem Weißen Haus höchst erfreut. "Das hätte es mit Gerhard Schröder als Kanzler nie gegeben", beschreibt ein Gesandter die neue Stimmungslage im transatlantischen Verhältnis. Gleichzeitig glaubt man, dass das stete Drängen Merkels - dabei unterstützt auch von ihren britischen und französischen Amtskollegen - nach einem Richtungswechsel der USA im Atomstreit einen maßgeblichen Anteil am neuen Kurs Washingtons hat.USA hoffen nun auf Chinesen und Russen

Eine Einschätzung, die jetzt auch ein politischer Analyst des US-Fernsehsenders CNN wiedergab: "Dass Bush nun direkt verhandeln will, ist auch ein Erfolg der Deutschen, Franzosen und Briten." Auch wenn die Reaktion aus Teheran zunächst erwartet kühl ausfiel - dort wehrt man sich erwartungsgemäß gegen die Vorbedingung der USA, der Iran müsse zunächst die laufende Urananreicherung einstellen, und spricht von einer "Propagandaaktion" - so hofft man doch in Washington darauf, dass die Bereitschaft der Chinesen und Russen zu Sanktionen im Falle einer weiteren Verweigerung Irans nun zunehmen wird. In US-Regierungskreisen wurde gestern deutlich gemacht, dass sich die Regierungen in Peking und Moskau - und damit die bisher wichtigsten Handelspartner Teherans - in vertraulichen Konsultationen bereiterklärt hätten, das Thema wieder vor den UN-Sicherheitsrat zu bringen, falls Iran das Angebot Washingtons ausschlägt oder Verhandlungen nicht mit dem nötigen Ernst durchführt. Sollte auf UN-Ebene dann keine Einigkeit in Sachen Strafmaßnahmen erreicht werden, will man in den USA eine Sanktionsliste wirksam werden lassen.Condoleezza Rice schwenkt den Ölzweig

Diese Liste wird derzeit im US-Außenministerium unter Amtschefin Condoleezza Rice erstellt und sollte gestern auch auf einer Außenminister-Runde in Wien diskutiert werden. Rice hatte allerdings am Mittwochabend auch deutlich gemacht, dass trotz dieses "Ölzweiges" - dem ersten Angebot gemeinsamer Gespräche seit dem Abbruch der bilateralen Beziehungen im Jahr 1979 - die Anwendung militärischer Gewalt weiter eine Möglichkeit sei. "Der Präsident nimmt keine Optionen vom Tisch, auch nicht zeitweise", betonte Rice vor ihrem Abflug nach Europa. Gleichzeitig, so heißt es in Washington, könne nun nach dem historischen Vorstoß niemand mehr sagen, die US-Regierung hätte nicht alles versucht, was zu einer friedlichen Lösung der Problematik führen könne.