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Das ist nicht die ganze Wahrheit

Das ist nicht die ganze Wahrheit

Kinder kriegen die Leute sowieso. Das hat Bundeskanzler Konrad Adenauer mal gesagt. Damals war die alte Welt aber auch noch insofern in Ordnung, dass es genug Nachkommen gab, die die Sozialsysteme mit ihren Beiträgen haben gedeihen lassen. Im Wirtschaftswunder-Deutschland wurde die Arbeitslosigkeit dank Aufschwung fast vollkommen aufgefressen, und Beschäftigte und Arbeitgeber haben mit ihren Anteilen für ausreichend Polster in der Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung gesorgt. Solidarität und Großzügigkeit haben allerdings im Laufe der Jahre so manche Blüte getrieben, die der heutigen Arbeitswelt den Schweiß auf die Stirn treibt und eine Pervertierung des Systems beweist: Dass nur die arbeitende Bevölkerung zur Finanzierung des Sozialsystems herangezogen wird, ist wohl der größte Beweis für ein ungerechtes System, das Frust aufbaut, zur Selbstbedienung anleitet und letztlich die Menschen verrät. Der Sozialstaat hat nichts mehr zu verschenken. Auch wenn die einzelnen Säulen des Sozialsystems - Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen-, Renten- und Unfallversicherung - ihre jeweils spezifischen Probleme der Finanzierung und Verteilung haben. Im Kern geht es ums Gleiche: die Koppelung an die Arbeitswelt. Denn nicht nur immer weniger Arbeitnehmer schultern die Einnahmen vor allem bei Gesundheit und Rente, Konjunkturschwankungen erschüttern auch sofort die Finanzlage der Kassen. Jeder Arbeitslose mehr belastet die Beschäftigten zusätzlich. Jegliches Drehen an der Beitragsschraube zieht eine Verteuerung von Arbeit und damit weitere Entlassungen nach sich. Jeder weiß es, doch keiner will es wahrhaben: Die Gesellschaft kommt um schmerzhafte Reformen nicht umhin. Und sie werden alle treffen, in allen Bereichen. Bislang wurde allerdings nur die halbe Wahrheit gesagt. Denn wie die Einschnitte aussehen sollen, dazu haben nur wenige den nötigen Mumm. Weder Regierung noch Opposition sind so ehrlich, dass sie ihren Wählern direkt ins Gesicht sagen, dass sie künftig auf bestimmte Medikamente, Behandlungsmethoden oder Hilfsmittel verzichten oder selbst dafür ins Portemonnaie greifen müssen und dass es ohne eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit noch nicht mal eine Rente auf Sozialhilfe-Niveau gibt. Wenn also Bert Rürup, Ulla Schmidt, Roman Herzog und dem ganzen Wanderzirkus aus Wirtschafts- und Sozialexperten nicht wirklich in diesem Jahr ein großer Wurf gelingt, wäre ihre Arbeit reine Zeitverschwendung. Denn der Baukasten mit möglichen Ideen ist längst prall gefüllt, Politiker und Experten müssten sich nur daraus bedienen. Dass es sie nicht eilt, verwundert dennoch nicht. Denn sie werden alle längst im üppigen Ruhestand weilen, wenn die heutigen Schüler, Azubis und Studenten im Berufsleben stehen und ausbaden müssen, was Politiker und Experten nicht auf die Reihe gebracht haben. Es sind nicht die Rentner von heute, die den Jüngeren etwas zumuten, wie das aktuelle Geschrei vermuten lässt. Die Alten von morgen sind das Problem. Deshalb muss eine große Gesundheits- und Rentenreform kommen, die einer schrumpfenden