"Das kann vor Gott nicht schlecht sein"

"Das kann vor Gott nicht schlecht sein"

Weil er sich an minderjährigen Messdienern vergangen hat, muss ein ehemaliger Obermessdiener aus Gerolstein (Vulkaneifelkreis) für drei Jahre ins Gefängnis. Das Pikante an dem Fall: Der heute 26-Jährige wurde selbst jahrelang von einem katholischen Geistlichen missbraucht. Dessen Taten sind verjährt.

Trier. Bischof Stephan Ackermann erreichte die unfrohe Botschaft im März bei der gerade zu Ende gegangenen Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Paderborn. Ein unter Missbrauchsverdacht stehender Geistlicher aus der Westerwald-Pfarrei Dierdorf hatte seine Vorgesetzten im Trierer Generalvikariat kurz zuvor selbst darüber informiert, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt. Der heute 45-Jährige soll sich vor rund zehn Jahren in Gerolstein, wo er zwischen 2000 und 2003 als Vikar eingesetzt war, an einem Jugendlichen vergangen haben.
Der Trierer Bischof fackelte nicht lange: Der Priester aus dem Dekanat Rhein-Wied wurde beurlaubt, eine sogenannte kirchenrechtliche Voruntersuchung eingeleitet. Viel mehr über diesen für die katholische Kirche abermals peinlichen Fall sickerte nicht an die Öffentlichkeit - bis zur gestrigen Verhandlung gegen einen ehemaligen Gerolsteiner Obermessdiener. Der heute 26-Jährige hatte sich über Jahre hinweg an zwei minderjährigen Messdienern vergriffen - oft im Jugendraum des Pfarrheims oder in der Sakristei. Seine Opfer "entlohnte" er mit Geldbeträgen zwischen fünf und 50 Euro. Ein Prozedere, das sich der gelernte Heilerziehungspfleger offenbar von einem katholischen Geistlichen "abgeguckt" hatte, der ihn selbst jahrelang missbraucht hat.
Das zumindest behauptete der ehemalige Obermessdiener gestern im Prozess vor der Ersten Großen Jugendkammer des Trie-rer Landgerichts. Der vermeintliche Täter: der Anfang März beurlaubte Westerwälder Pastor.
Der Geistliche kam vor elf Jahren als Vikar nach Gerolstein. "Ich war damals 16", sagt der Angeklagte, "er 36." Recht schnell habe der Vikar sich ihm genähert: "Erst hat er mich zum Cocktailtrinken eingeladen, dann zum Musical-Besuch, und später sind wir sogar zu einem Kurztrip nach Italien geflogen." Und immer wieder "gab es Geld für Sex".
Er habe sich nur widerwillig darauf eingelassen, sagt der ehemalige Messdiener. "Er war für mich zu alt, und ich hatte ein Problem damit, dass er ein Priester ist." Der Geistliche habe ihm aber gesagt: "Das ist eine schöpfungsbejahende Lebensweise, die vor Gott nicht schlecht sein kann."
Erst nach sechs Jahren endete die "Beziehung". Sie wäre wohl nie ans Tageslicht gekommen, hätte nicht eines der Opfer des Angeklagten eines Tages geplaudert. So geriet erst der Obermessdiener ins Visier der Ermittler und später auch der längst im Westerwald tätige Pastor.
Laut Staatsanwalt Arnold Schomer sind die Missbrauchsermittlungen gegen den Geistlichen inzwischen eingestellt - wegen Verjährung, wie Schomer bedauernd hinzufügt. "Sie sind Opfer der unsäglichen Aktivitäten dieses Vikars geworden", sagt der Ankläger dem ehemaligen Obermessdiener und fügt hinzu: "Es ist ein typisches Phänomen, dass Opfer später selbst zum Täter werden." Das gilt auch für das Hauptopfer des Angeklagten: Auch dieser junge Mann, bei dem es sich ebenfalls um einen ehemaligen Gerolsteiner Messdiener handelt, ist bereits wegen Missbrauchs verurteilt worden.
Der Vorsitzende Richter Albrecht Keimburg spricht denn in seiner Urteilsbegründung auch von "einem komplexen System des Missbrauchs", das sich in der Eifeler Pfarrgemeinde entwickelt habe. "Da war der Vikar, der Obermessdiener, und dann wurden die Geeigneten herausgefischt …"

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