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Das lange Warten der Kassen-Patienten

Das lange Warten der Kassen-Patienten

TRIER. Wer gesetzlich versichert ist, wartet wesentlich länger auf einen Arzttermin – der seit langem bekannte Vorwurf ist nun erstmals wissenschaftlich unterfüttert worden.

Das Thema taugt immer wieder für Erregung: Gesetzlich Versicherte werden von Ärzten benachteiligt. Gestern wurde es erneut aufgewärmt. Doch anders als im Sommer, als Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) die angeblich längeren Wartezeiten der Kassenpatienten lancierte, um von den Problemen der Gesundheitsreform abzulenken, ist die Bevorzugung von Privatpatienten nun wissenschaftlich untermauert. Das Wissenschaftliche Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen (Wido) hat 3000 gesetzlich und privat Versicherte befragt.Bei Orthopäden dauert es am längsten

Wenig überraschendes Ergebnis: Die Privatpatienten sind privilegiert, gesetzlich Versicherte müssen mindestens zwei Wochen auf einen Arzttermin warten. Ein Drittel der Befragten mit akuten Schmerzen empfand demnach die Wartezeit auf den letzten Arzttermin als zu lang, bei Privatversicherten waren es nur rund 15 Prozent, die sich über zu lange Wartezeiten beschwerten. Diese Ungleichbehandlung von Kassen- und Privatpatienten werde besonders deutlich bei Orthopäden: 17 Prozent der gesetzlich Versicherten mit akuten Beschwerden hätten länger als vier Wochen auf einen Termin warten müssen, heißt es in der Studie. Bei Privat-Versicherten seien es aber nur 2,4 Prozent gewesen. Nur etwas mehr als ein Viertel der Kassen-Patienten sei sofort oder am nächsten Tag an die Reihe gekommen. Schmidt fühlt sich durch die Studie, die übrigens von November vergangenen Jahres stammt, bestätigt. Sie rät betroffenen Patienten, derartige Benachteiligungen ihrer Kasse zu melden. Ärzte: Großteil der Patienten zufrieden

Vor fünf Jahren kam eine Studie im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Trier zu ähnlichen Ergebnissen: Knapp ein Viertel der Patienten glaubte, dass Privat-Versicherte bevorzugt werden. KV-Chef Carl-Heinz Müller wertet dies allerdings eher als positiv. Das zeige, dass die überwiegende Mehrzahl der Patienten mit der Terminvergabe zufrieden sei, sagte Müller im Sommer als Reaktion auf die Vorwürfe von Schmidt. Doch selbst die AOK will die Ergebnisse ihres eigenen Instituts nicht so stehen lassen. In Rheinland-Pfalz könne man das so generell jedenfalls nicht bestätigen, sagt AOK-Chef Walter Bocke-mühl. Allenfalls in Einzelfällen werde man mit derartigen Beschwerden konfrontiert. Nach Rücksprache mit den betreffenden Ärzten erreiche die Kasse dann auch einen kurzfristigen Behandlungstermin. "Die Ärzte verstoßen in solchen Fällen gegen ihre gesetzlichen und vertraglichen Verpflichtungen", sagt Bockemühl. Erstaunlich bei der ganzen Diskussion ist, dass viele Privatpatienten gar nichts von der Bevorzugung merken. "Null Bevorzugung bei Wartezeiten. Beim Zahnarzt musste ich zwei Stunden warten, den nächsten Termin bekam ich erst in drei Wochen", sagte ein privat Versicherter aus Konz.