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Das Mädchen und der Patriarch

Bundesfrauenministerin Angela Merkel, spätere Bundeskanzlerin, beugt sich 1991 während des CDU-Parteitags in Dresden zu ihrem Mentor, Bundeskanzler Helmut Kohl, herab. Foto: dpa
Bundesfrauenministerin Angela Merkel, spätere Bundeskanzlerin, beugt sich 1991 während des CDU-Parteitags in Dresden zu ihrem Mentor, Bundeskanzler Helmut Kohl, herab. Foto: dpa FOTO: Michael Jung (dpa)
Berlin. Angela Merkel hat sich viel bei ihrem Lehrmeister Helmut Kohl abgeguckt. Hagen Strauß

Berlin Anfänglich haben sie sich gemocht, dann bekämpft und am Ende Frieden geschlossen: Der ehemalige CDU-Chef und Bundeskanzler Helmut Kohl und seine Nachfolgerin Angela Merkel. Was steckt vom Politikertypus Kohl in Merkel - und was nicht?

Am Montag trug sich die Kanzlerin auch im Konrad-Adenauer-Haus der Union in das Kondolenzbuch für den am vergangenen Freitag verstorbenen Kohl ein. Merkel schrieb: "Er hat über ein Vierteljahrhundert die CDU als ihr Vorsitzender geprägt und modernisiert." Inzwischen trifft dieses Urteil auch auf Merkel selber zu - seit 17 Jahren ist sie Parteichefin, seit zwölf Jahren Kanzlerin, und Merkel schickt sich an, nach der Bundestagwahl am 24. September mit Kohls 16 Jahren im Kanzleramt gleichzuziehen. Auch sie hat die Union geprägt, verändert, modernisiert, manche sagen kritisch sozialdemokratisiert. Beide eint, dass sie immer versucht haben, die CDU in der Mitte zu halten.

Ohne Zweifel: Helmut Kohls "Mädchen", so nannte er sie anfangs, hat sich einiges von ihrem Lehrmeister abgeschaut. Kritik lässt sie an sich abtropfen. Die CDU-Chefin hat in den Jahren ihrer Kanzlerschaft begriffen, dass große Veränderungen schwer durchzusetzen sind, deswegen ist die "Politik der kleinen Schritte" auch zu ihrem Maßstab geworden. Meist positioniert sich Merkel erst, wenn sich die Waagschale in den internen Debatten in die eine oder andere Richtung geneigt hat. Abwarten, abwägen, analysieren - das gehört zu ihrem moderierenden Regierungsmanagement. Vor ein paar Jahren ließ sie in einem Interview wissen, warum: "Ich habe bei Helmut Kohl gelernt, dass es besser ist, nicht immer schon am Anfang zu entscheiden und Basta zu rufen."

Beim Altkanzler nannte man das freilich "aussitzen". Bei Merkel heißt es, sie "zaudere". Tatsächlich empfindet sie den Vorwurf als belanglos. Denn aus Sicht Merkels ist es besser, komplizierte Sachverhalte erst einmal zu durchdenken. Nicht immer sind alle Konsequenzen auf den ersten Blick klar. In ihrer dritten Amtszeit ist die Schelte des Zauderns allerdings kaum noch gegen sie erhoben worden, weil Merkel 2015 mit ihren Entscheidungen in der Flüchtlingspolitik erstmals von ihrem eigenen Prinzip abwich. Kohl hingegen musste sich 16 Jahre lang den Vorwurf des Aussitzens gefallen lassen. Obwohl der Mann aus Oggersheim 1989/90 beherzt die Deutsche Einheit herbeiführte.

Kohl war auch dafür bekannt, als Patriarch in niedere Parteigliederungen hineinzuregieren, und Kritik speicherte er in seinem Elefantengedächtnis. Vergeben und vergessen war nicht seine Sache. Von Merkel sind diese Eigenschaften nicht überliefert. Was vielleicht daran liegen mag, das beide doch grundverschiedene Typen sind: Er, der barocke pfälzische Katholik, seit seiner politischen Jugend mit der CDU eng verwoben. Sie, die eher spröde protestantische Pfarrerstochter und Physikerin, die erst nach der Wende 1989 zur CDU kam. Und es gibt noch einen Unterschied: Der schwergewichtige Kohl war ein Kämpfer, der zugleich viel auf sein Bauchgefühl gehört hat. Merkel dagegen ist eher eine kühle Taktikerin, der es allerdings nicht an Durchsetzungskraft fehlt, wenn sie es für notwendig erachtet. So wie Ende 1999, als sie, damals CDU-Generalsekretärin, in der Spendenaffäre den Bruch mit dem Übervater wagte. Seitdem hat Merkel sich noch gegen jeden und jede durchgesetzt. Wie Kohl bis zu seiner Abwahl bei der Bundestagswahl 1998 auch.