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"Das perfekte Duo für unsere Zeit"

"Das perfekte Duo für unsere Zeit"

Die Basis der Grünen schickt die Realos Katrin-Göring Eckardt und Cem Özdemir als Spitzenkandidaten in den Bundestagswahlkampf. Allerdings mit eher mäßigen Ergebnissen.

Berlin. Bundesgeschäftsführer Michael Kellner kam regelrecht ins Schwärmen: "Das ist das perfekte Duo für unsere Zeit", strahlte der Grüne am Mittwoch bei der Bekanntgabe des Urwahlergebnisses für die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl. Zweifellos verbinden sich mit Katrin-Göring Eckardt und Cem Özdemir eher ungewöhnliche Biografien. Die 50jährige Thüringerin ist Co-Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion und damit eine der ganz wenigen Ostdeutschen, die bundespolitisch Karriere gemacht haben. Göring-Eckardt hatte sich schon bei der Urwahl für die Bundestagswahl 2013 durchgesetzt. Damals allerdings gegen zwei andere Mitbewerberinnen. Diesmal wollten sich keine Mitkonkurrentinnen finden. Insofern relativiert sich auch das auf den ersten Blick ordentliche Ergebnis von knapp 71 Prozent. Wegen Göring-Eckardts Solo-Antritt hatten Teile der Basis sogar eine Klage gegen die Urwahl eingereicht. Das Parteischiedsgericht erklärte sie jedoch für nichtig. Özdemir wiederum ist ein Paradebeispiel für gelungene Integration. Seine Eltern kamen aus der Türkei als Gastarbeiter in die baden-württembergische Provinz. Der 51jährige sieht sich deshalb auch gern als "anatolischen Schwaben". Özdemir ist derzeit zweifellos der profilierteste Grüne im Land. In den Politiker-Rankings liegt er regelmäßig weit vorn. Bereits seit mehr als acht Jahren ist er Parteichef. Hofreiter abgeschlagen

So gesehen muss es eigentlich erstaunen, dass ihm ein weithin unbekannter Mitbewerber wie der schleswig-holsteinische Agrarminister Robert Habeck fast die Schau gestohlen hätte. Bei den parteiinternen Vorstellungsrunden hatte Habeck auf Provokation gesetzt und nicht mit scharfer Kritik am Zustand der Partei gegeizt. Ein Gradmesser dafür sind die mageren Umfragewerte von teilweise unter zehn Prozent. Und Habecks Klartext kam offenkundig an bei der Basis. Immerhin 12 129 Parteigänger votierten für den Landesminister. Das waren nur 75 weniger als für Özdemir. Er brachte es auf 12 204 Stimmen. Sein Lächeln wirkte dann auch etwas bemüht, als man ihm zusammen mit Göring-Eckardt am Mittwochmittag vor laufenden Kameras die obligatorischen Blumen überreichte. "Es ist ein Sieg", wehrte Özdemir alle Fragen nach dem Fotofinish ab. Zugleich betonte er, dass aus der Urwahl "niemand als Verlierer hervorgegangen" sei. Das galt auch Fraktionschef Toni Hofreiter, dem anderen Mitkonkurrenten für das "Männerticket" und einzigen Vertreter des linken Parteiflügels. Hofreiter landete mit nur 8686 Stimmen (26,2 Prozent) überraschend abgeschlagen auf dem letzten Platz. Dabei gilt der 46-jährige Bayer als Experte fürs Ökologische, das grüne Herzblutthema. Und er wirkt mit seinem unkonventionellen Auftreten sehr authentisch. Allerdings bezweifeln viele in der Partei, dass er bei einem breiteren Publikum punkten kann. Daraus erklärt sich wahrscheinlich das gute Abschneiden Habecks, auch weil er irgendwo zwischen den Flügeln von Parteilinken und Realos verortet wird. Nach den Worten Özdemirs und Göring-Eckardts sollen auch die beiden Unterlegenen eine wichtige Rolle im Wahlkampf spielen. Die Urwahlgewinner beschworen die innerparteiliche Geschlossenheit und versprachen, die Grünen "in die Regierung zu führen". Hofreiter dürfte schon wegen seines Fraktionsamtes weiter an vorderster Stelle mitmischen. Dagegen hatte Habeck schon frühzeitig klar gemacht, sich im Fall einer Niederlage weiter der Landespolitik zu widmen. Das bekräftigte er noch einmal am Mittwoch nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses. Es gilt aber nicht als ausgeschlossen, dass Habeck beim nächsten ordentlichen Grünen-Parteitag im Herbst den Job des Parteichefs übernehmen könnte - zumal denn, wenn die Grünen wirklich in die Regierung kämen und Özdemir Bundesminister würde. Meinung

Zwiespältiges Signal Mit den nicht gerade berauschenden Wahlergebnissen für Cem Özdemir und Katrin-Göring Eckardt senden die Grünen ein zwiespältiges Signal in die politische Landschaft. Zwar sind beide Realos. Beide stehen für eine mögliche schwarz-grüne Koalition bereit. Doch der linke Parteiflügel hat auch nach der Urwahl noch genügend Potenzial, die Spitzenkandidaten mit einem dezidiert linken Wahlprogramm zu piesacken. Angedeutet hat sich das schon auf dem jüngsten Bundesparteitag in Münster. Beschlüsse zur Einführung einer Vermögensteuer für "Superreiche" und die Abschaffung aller Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger bei Verstößen gegen Auflagen der Jobcenter vermochten die Realos trotz eindringlicher Warnungen dort nicht zu verhindern. Die Kunst wird darin bestehen, dass Göring-Eckardt und Özdemir nun den grünen Laden zusammenhalten. Vor allem Özdemir hat sich bislang kaum um die Befindlichkeiten des linken Flügels geschert. Am Ende könnte es den Grünen wie der SPD im Wahlkampf 2013 ergehen. Damals passte die ausgesprochen linke sozialdemokratische Programmatik nicht zur rechten Personalie Peer Steinbrück. Die Quittung war ein enttäuschendes Wahlergebnis. nachrichten.red@volksfreund.de