Das Verschwinden der Fichten

Stürme, Hitze und Borkenkäfer sind die natürlichen Feinde unnatürlicher Fichtenforste. Das Land setzt daher nun verstärkt auf Laubbäume und Mischwälder. Während Spaziergänger sich über abwechslungs- und artenreichere Wälder freuen, leidet die Holzindustrie unter dem Verlust ihres Lieblingsrohstoffs.

Saarburg. Einen besseren Termin hätte man kaum finden können, um mit Experten über den Orkan Kyrill zu sprechen, der vor zehn Jahren in der Region Trier toste, tobte, heulte, wirbelte, wütete und dabei enorme Schäden verursachte. Es ist Freitag, der 13., im Forstamt Saarburg. Und Gerhard Reinerts Telefon klingelt. Nicht das erste und nicht das letzte Mal an diesem Morgen.
Der Sturm und Der Tag danach


Denn in der Nacht zuvor hat Sturmtief Egon die Region heimgesucht und zahlreiche Bäume entwurzelt. Diesmal erfährt der Technische Produktionsleiter, dass ein Brunnen der Wasserwerke unerreichbar ist, weil ein Baum den Weg versperrt.
Der 19. Januar 2007 war ein Tag genau wie dieser. Nur schlimmer. Es war der Tag nach Kyrill. "Es gibt eine klare Prioritätenliste nach einem Sturm", sagt Reinert. Zunächst müssen Bundes-, Landes- und Kreisstraßen geräumt werden, dann Waldwege, die den Zugang zur Fläche ermöglichen - und damit eine erste Einschätzung, wie hoch der entstandene Schaden ist. Kann der Markt das vom Sturm gefällte Holz problemlos aufnehmen? Ist ein Preissturz zu befürchten?
Eine Katastrophe von vielen


Kyrill riss im Gebiet des Forstamts Saarburg, das sich von der Obermosel bis in den Hochwald erstreckt, 24 000 Festmeter Holz um. So steht es auf einer Holzplanke, auf der Forstamtsleiter Helmut Lieser sämtliche Katastrophen im Wald vermerkt hat, die er in den vergangenen Jahrzehnten miterlebt hat. Die Liste startet mit dem wahrhaft weißen Sonntag des Jahres 1981 - damals brachen ganze Wälder unter 30 Zentimeter nassem Schnee zusammen - und sie endet vorerst mit Egon. Die Liste zeigt auch, dass Kyrill, so schlimm er in Deutschland und Europa auch tobte, für die Waldwirtschaft der Region keineswegs der schlimmste Sturm war. Sowohl Vivian und Wiebke (1990) als auch Xynthia (2010) brachten mehr Bäume zu Fall.
Schlimmer war es weiter nördlich


Am schwersten traf Kyrill Nordrhein-Westfalen. In der Region Trier wütete der Orkan besonders stark im Prümer Land: Im Bezirk des Forstamts Prüm das auch die 3500 Mitglieder des Waldbauvereins betreut, fielen etwa 120 000 Kubikmeter Holz um. "Das entspricht etwa 150 000 bis 170 000 Bäumen", sagt Peter Wind, Chef des Forstamts. Darunter zu mehr als der Hälfte Bäume von privaten Waldeigentümern, aber auch im Staats- und Gemeindewald. "Bis wir die letzten Bäume aufgearbeitet hatten, war es Herbst."
Dabei summierte sich der Gesamtschaden auf fünf bis sechs Millionen Euro, weil Windwurf weniger wert ist als geplant geschlagenes Holz, weil die Aufarbeitung teurer ist und weil bei einem Sturm eben auch Bäume umfallen, bevor sie schlagreif sind. Immerhin aber habe man im Vergleich zu 1990 (Vivian und Wiebke) noch Glück gehabt, sagt Peter Wind: Damals sei der Holzpreis "in kurzer Zeit total in den Keller gegangen". Das sei 2007 nicht ganz so schlimm gewesen - die Prümer machten im Schnitt etwa fünf Euro Verlust pro Festmeter, die Dauner 15. Dennoch waren die Folgen gravierend: "Was wir normalerweise übers ganze Jahr einschlagen", sagt Peter Wind, "ist bei Kyrill in einer Nacht umgefallen."
Kyrill und der Klimawandel


So wurde der Orkan zu einem einschneidenden Ereignis. Kyrill habe allen deutlich gemacht, dass reine Nadelwälder dem Klimawandel nicht standhalten können, sagt Forstministerin Ulrike Höfken (Grüne). Karl-Ludwig Pentzlin, Leiter des Forstamts Daun, betont, man müsse im Klimawandel mit höheren Windgeschwindigkeiten, anderen Temperaturen, Starkregen, Trockenphasen und Hochwasser rechnen. Das wandelt auch die Waldwirtschaft. Forstämter setzen verstärkt auf Mischwälder, heimische Baumarten und naturnahe Bewirtschaftung.
Der Niedergang der Fichte


Insbesondere die flach wurzelnden Fichten werden seltener gepflanzt, da sie weder mit Wind noch mit dem wärmer werdenden Weinbauklima der Region gut zurechtkommen. "Unter 350 Metern Höhe hat die Fichte bei uns keine Zukunft", sagt Lieser und erinnert an die ausgeprägte Hitze und langanhaltende Dürre des Sommers 2015. In solchen Phasen werden die Bäume zur leichten Beute des Borkenkäfers. Als Nadelbaum-Ersatz dienen Douglasien und Weißtannen. Oft jedoch bevorzugen die Förster Laubbäume.
In Lagen über 350 Metern Höhe hat die Fichte, die als "Brotbaum" der heimischen Sägeindustrie gilt, laut Lieser zwar durchaus Zukunft. Doch auch dort wird sie kaum mehr in Reinbeständen angebaut, sondern in Mischwäldern, die zu einem Drittel aus Laubbäumen bestehen. Das werte die Bestände ökologisch auf. Nicht nur, weil Mischwälder mehr Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bieten als die dunklen, monotonen Fichtenforste. Sondern auch, weil die Blätter die Bodenqualität verbessern.
Die Industrie verliert ihren Rohstoff


Pentzlin, in dessen Dauner Forstamt Kyrill 60 000 Festmeter Holz fällte, betont: "Wir brauchen Nadelholz für unsere holzverarbeitende Industrie. Mehr als 50 000 Jobs hängen von ihr ab." Aber gibt es genügend davon - und sind Douglasien oder Weißtannen ein guter Ersatz?
Clemens Lüken, Chef des Verbands der rheinland-pfälzischen Säge- und Holzindustrie, verneint. Die Fichte sei der Brotbaum der Sägewerke. "Auch andere Nadelhölzer können das nicht ersetzen", sagt Lüken. Douglasie und Tanne haben zwar ganz ähnliche Eigenschaften wie die Fichte und sind ebenfalls gut als Bauholz nutzbar. Die Douglasie ist sogar härter, elastischer und wetterbeständiger. Dennoch bleibt die Fichte in Deutschland die wirtschaftlich mit Abstand wichtigste Baumart.
Seit der Umbau der Wälder nach den Stürmen Vivian und Wiebke begann, ist ihr Anteil im rheinland-pfälzischen Wald laut Lüken aber von 60 auf rund 20 Prozent gesunken. Die Betriebe hätten daraufhin Schichten reduzieren sowie Mitarbeiter entlassen müssen und Umsatz eingebüßt. "Wenn das Thema ideologiefrei diskutiert würde, würde wieder mehr Fichte gepflanzt", sagt der Sprecher der Holzindustrie und kritisiert, dass die vielen Buchen am Bedarf vorbeigingen.
Holz braucht Zeit


Nach Kyrill und Xynthia haben die Saarburger Forstleute zunächst ein Jahr lang abgewartet, welche Bäumchen die Natur auf den kahlen Flächen selbst hervorbringt, und dann vor allem mit Bergahorn und Eichen aufgeforstet. Und zwar in "Klumpen". Statt in Reihen wurden die jungen Bäume in Gruppen von fünf bis 20 gesetzt. Dazwischen wachsen neben Brombeeren, Fingerhut und Weidenröschen nun Buchen, Birken, Lärchen und Hainbuchen, die sich dort selbst angesiedelt haben. "Waldgesellschaften mit fünf bis sechs Baumarten sind deutlich stabiler als solche mit ein oder zwei", sagt Lieser. Sein Eifeler Kollege Pentzlin ergänzt: "Was wir wollen, ist ein Gemischtwarenladen mit Optionen für die Zukunft". Altbäume, Totholz und eine abwechslungsreiche Struktur sollen für Artenreichtum sorgen, Nadelbäume für das Holz, das die Industrie so dringend braucht.
Noch mindestens 70 Jahre wird es dauern, bis auf den Flächen, die Kyrill entfichtete, erntereife Wälder stehen. Holz braucht Zeit. Und so wird erst die übernächste Generation beurteilen können, ob der aktuelle Umbau des Waldes für Natur und Wirtschaft die richtige Strategie war.Extra

531 Millionen Bäume wachsen laut Landesforsten in Rheinland-Pfalz. Es ist das relativ waldreichste Bundesland. Über 42 Prozent der Landesfläche sind mit Wald bedeckt. Der Laubbaumanteil liegt bei fast 60 Prozent, der Nadelbaumanteil bei knapp 40. Das Ziel für den Staatswald lautet: zwei Drittel Laubbäume, ein Drittel Nadelbäume. Zehn Jahre nach Kyrill liegt der Mischwaldanteil in Rheinland-Pfalz laut Forstministerium bei 82 Prozent, und die heimische Buche ist wieder häufigste Baumart. Sie wächst auf 21,8 Prozent der Waldfläche. Damit liegt sie vor Eiche (20,2 Prozent), Fichte (19,5 Prozent) und Kiefer (9,9 Prozent). Ohne den Menschen wäre die Buche dominant. In trockeneren Lagen hätte die Eiche Chancen, in steilen Ahorn, Eschen und Linden, in feuchten Niederungen Weiden, Birken und Erlen. Die einzigen heimischen Nadelbäume sind Wacholder und Eibe. MosExtra

Eine Studie von Landesforsten zeigt, welch große Bedeutung Holz für die rheinland-pfälzische Wirtschaft hat. Mehr als 50 000 Beschäftigte arbeiten in 8474 Betrieben der Forst-, Holz- und Papierindustrie. Das holzverarbeitende Gewerbe liegt der Studie zufolge mit 7,3 Milliarden Euro Umsatz auf dem dritten Platz in Rheinland-Pfalz nach Chemie (20,1 Milliarden Euro) und Fahrzeugbau (neun Milliarden Euro). MosExtra

Die verheerendsten Orkane in Deutschland in den vergangenen 50 Jahren: Der Niedersachsen-Orkan (12./13. Januar 1972), Spitzengeschwindigkeiten bis zu 245 km/h, alleine in Deutschland 37 Tote. Orkan Capella (2. bis 4. Januar 1976), bis zu 145 km/h. Betroffen: vor allem Norddeutschland. Es entstand umgerechnet rund eine halbe Milliarde Euro Schaden. Orkan Wiebke (28. Februar/1. März 1990), der stärkste von mehreren Orkanen, die zwischen Ende Januar und Ende Februar tobten. Spitzengeschwindigkeiten bis zu 285 km/h sorgten für enorme Forstschäden. Orkan Lothar (26./27. Dezember 1999) wütete in Europa und Südwestdeutschland. Bis zu 272 km/h. Orkan Kyrill (18./19. Januar 2007), Bis zu 232 km/h in Europa und 202 km/h in Deutschland. dpaExtra

Das Verschwinden der Fichten
Foto: (g_pol3 )

Fichten sind der traditionelle Brotbaum der Waldbauern in Deutschland - doch den immer stärkeren Wetterextremen wie dem Orkan Kyrill haben sie nicht viel entgegenzusetzen. Die Zukunft sehen viele Förster deshalb in Douglasien, Weißtannen und Buchen. Douglasie: Der Nadelbaum wuchs früher schon einmal in Deutschland, seit der letzten Eiszeit ist er aber mehr oder weniger verschwunden. Douglasien wachsen schnell. Sie kommen besser mit längeren Trockenperioden zurecht, und ihre Wurzeln gehen tiefer in die Erdschicht. Douglasien und Fichten vertragen sich außerdem gut. Weißtanne: Ihre Wurzeln gehen ganz tief, und der Baum hat ein außergewöhnliches Holz. Deshalb werden Weißtannen auch von der Holzindustrie gut angenommen. Der Nachteil: Die Tannenknospen schmecken dem Wild so lecker, dass die Waldbauern massive Schäden bei den Weißtannen beklagen. Buche: Früher waren die meisten Wälder in Deutschland Buchenwälder. Im Zuge der Industrialisierung wurden sie aber verdrängt von schneller wachsenden Bäumen wie der Fichte. Das Holz des Laubbaums ist vielseitig einsetzbar: Man kann es für Möbel nehmen oder als Parkett. dpa