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Der Aufklärer im „Pfaffennest“

Der Aufklärer im „Pfaffennest“

Von gefälschten Büchern, armen Moselwinzern und gefundenen SchätzenFriedrich der Große durchwanderte nicht die Eifel, schipperte nicht über die Mosel und besuchte nie die älteste Stadt Deutschlands. Trotzdem gelangte sein aufklärerisches Gedankengut auch in unsere Region, die seinerzeit bei den Preußen als katholisch-konservatives Bollwerk galt.

Friedrich der Große und Trier? Das scheint nicht wirklich zusammenzupassen. Die Stadt wurde erst nach dem Wiener Kongress im Jahr 1815 offiziell Teil des preußischen Königreichs. Davor gehörte Trier zu Frankreich. Und zu Lebzeiten des Alten Fritz war Trier ein bischöfliches Kurfürstentum, weit weg vom aufklärerischen Preußen und sehr, sehr katholisch. Unheilige Bücher in der Dombibliothek Die Trierer Gottesfürchtigkeit - Goethe beschrieb die Stadt gar als "altes Pfaffennest" - und die große Entfernung zu Berlin hat einige Freigeister zu frechen ironischen Spitzen gegen unsere Stadt ermutigt.
Eine nicht autorisierte Sammlung von religionskritischen Schriften des Herrschers gibt an, in der Moselstadt veröffentlicht geworden zu sein - eine glatte Lüge. "Nach dem Tod des Herrschers begann man sofort, eine Werkausgabe zusammenzustellen, die alle Briefe und Schriften des Herrschers umfasste", so Hans-Ulrich Seifert von der Universitätsbibliothek Trier. "Diese Werkausgabe enthielt nahezu alles, was man an Materialien hatte - auch Unpubliziertes. Aber es gab ein paar Dinge, die passten nicht in das Herrscherbild." Besonders der Nachfolger des Alten Fritz, Friedrich Wilhelm II, wollte nicht, dass allzu religionskritische Aussagen an die Öffentlichkeit gelangten. Somit fehlten die kirchenkritischen Texte in der ersten Gesamtausgabe. Privatleute und Intellektuelle sammelten diese Texte jedoch und veröffentlichten sie in einem Sonderband. Um unerkannt zu bleiben, fingierten sie ein Impressum und ein ironisches Vorwort eines angeblichen Trierer Verlegers. Dieser frei erfundene Cyriacus Maria Crescentius Wiltplutt der Jüngere schreibt in seiner Einleitung, dass die "Aufklärung in Trier mit kühnemporgehobenen Haupte rüstig daher schreitet".
In Wirklichkeit wurde der Band vermutlich in Berlin gedruckt. "Das ist auch nie in Trier gedruckt worden", sagt Seifert. "Das Vorwort ist so ironisch geschrieben, da weiß jeder, das ist eine Spitze gegen diese Ecke im Westen Deutschlands, weit weg von Preußen - und weit weg von der Aufklärung." Das aufklärerische Gedankengut Friedrich des Großen wurde vom Papst persönlich auf den Index der verbotenen Bücher gestellt. Das bedeutete, dass allein das Lesen der Texte als schwere Sünde galt. Trotzdem hielt das wohl auch einige Kirchenmänner nicht von der Lektüre ab: "In der Bibliothek des Priesterseminars haben wir eine sehr schöne Werkausgabe gefunden. Und das Exemplar kommt ursprünglich aus der Dombibliothek", erzählt Friedrich-Experte Seifert schmunzelnd. Die armen Moselwinzer Der erste Text von Friedrich dem Großen, der wirklich in Trier gedruckt wurde, erschien Mitte des 19. Jahrhunderts. "Versuch über Regierungsformen und Regentenpflichten" heißt die Schrift, die der in Trier lebende Sozialreformer Ludwig Gall aus dem Französischen übersetzte und in Trier herausgab. In diesem Buch schreibt Friedrich der Große über die Fürsorgepflicht des Regenten, zum Beispiel fordert er, dass für Hungersnöte Vorsorge getroffen werden solle. Gall überträgt das auf die Situation der Moselwinzer im 19. Jahrhundert, die zum Teil bitterarm waren, und empfiehlt, dass man die Gedanken Friedrichs in der Region Trier modernisiert umsetzen sollte. "Das Werk an sich hat wohl nicht bis in die Wohnstube des Winzers gewirkt", erklärt Seifert.
Wohl habe Gall aber eine Reihe von technischen Erfindungen gemacht, die den Winzern geholfen haben.Schatzfund in der Stadtbibliothek Per Zufall stieß Seifert in der Trierer Stadtbibliothek auf einen wirklichenSchatz aus der Feder Friedrich des Großen: Eine äußerst seltene deutsche Übersetzung - Friedrich schrieb auf Französisch - von Gedichten des Königs aus dem Jahr 1762. "Der große Philosoph von Sanssouci", nannte sich der Alte Fritz in diesem Werk.
Das Buch wurde unter dem Namen des Herausgebers in den Katalog aufgenommen - und geriet in Vergessenheit, bis Seifert die Stadtbibliothek durchforschte. "Das gibt es auf der Welt nur noch drei Mal: Einmal in Bayern, einmal in den USA - und einmal in der Stadtbibliothek Trier", eklärt der Bibliothekar stolz. Friedrich der Große hat also auch die Menschen an der Mosel beeinflusst. "Trier ist nicht urpreußisch, es gab immer die Preußenkritik des Rhein- und Moselländers", so Seifert. Wenn man aber auf die gedruckten Zeugnisse schaue, dann könne man sehen, dass der Alte Fritz auch für die Menschen in der Region eine Identifikationsfigur war.