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Der Ausbrecherkönig ist längst wieder draußen

Der Ausbrecherkönig ist längst wieder draußen

Der Schwerverbrecher Muhamed Agovic hielt die Region ab 1995 jahrelang in Atem. In Erinnerung bleibt der längst wieder in die Freiheit entlassene Mörder vor allem als Ausbrecherkönig, dem aus dem Trierer Knast eine spektakuläre Flucht gelang.

Trier. Die Handschellen für Muhamed Agovic klickten in einer Frühjahrsnacht vor neun Jahren: Ein Sondereinsatzkommando der Polizei hatte zuvor Agovics Wohnung in seinem montenegrinischem Heimatort Berane gestürmt; der damals 31-jährige Gesuchte ließ sich widerstandslos festnehmen. Es war das Ende einer spektakulären Flucht, die am 30. Dezember 2000 in Trier begonnen und für reichlich Schlagzeilen gesorgt hatte. Denn Muhamed Agovic war alles andere als ein kleiner Ganove.
Mitte September 2000 verurteilte ihn das Trierer Landgericht wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Agovic hatte fünf Jahre zuvor gemeinsam mit drei Komplizen das Konzer Tanzlokal Tropical überfallen. Ein Kellner wurde bei dem Überfall getötet, ein zweiter schwer verletzt. Weil er Geld brauchte, verübte Agovic im Großraum Mainz danach weitere Überfälle.
Nach einem Autodiebstahl geriet er Ende Januar 1996 in eine Polizeikontrolle. Agovic eröffnete ohne Vorwarnung das Feuer, floh und entkam abermals. Mit internationalem Haftbefehl wurde der Schwerverbrecher anschließend europaweit gesucht. Agovic setzte sich ins bosnische Sarajevo ab, wo er im Mai 1999 festgenommen wurde. Es dauerte mehr als ein halbes Jahr, bis der lange Gesuchte in die Justizvollzugsanstalt Trier überführt wurde.
Nur zwei Monate nach seiner Verurteilung gelang Muhamed Agovic gemeinsam mit einem anderen Gefangenen die Flucht aus dem damals nur wenig gesicherten Gefängnis. Eine Justizbedienstete hatte den beiden Verbrechern bei der Flucht geholfen.
Es war nicht der erste erfolgreiche Ausbruch von Agovic. Zuvor entkam der in Luxemburg wegen diverser Überfälle und Drogendelikte mehrfach verurteilte Agovic bereits drei Mal aus Gefängnissen des Großherzogtums; einmal flüchtete er aus einem Polizeigewahrsam in den Niederlanden. Die deutsche Justiz hätte also eigentlich gewarnt sein müssen.
Immerhin ließen die deutschen Strafverfolger nicht locker, bis Agovic im März 2002 in seinem Heimatland verhaftet wurde. Nach einem sogenannten Vollstreckungshilfe-Ersuchen der Trierer Staatsanwaltschaft hieß es schließlich, dass der zu lebenslanger Haft verurteilte Schwerverbrecher seine in Deutschland verhängte Strafe in Montenegro absitzen werde. Ein örtliches Gericht wandelte das "Lebenslang" nach Aussage des damaligen Leitenden Trierer Oberstaatsanwalts Horst Roos in eine 20-jährige Gefängnisstrafe um, von der Agovic noch nicht einmal die Hälfte absaß. Bereits Ende Juli 2009 wurde der Schwerverbrecher vorzeitig entlassen.
Wenn er wollte, könnte Muhamed Agovic auch wieder nach Deutschland oder Luxemburg reisen. Weil der heute 39-Jährige seine "Trierer Strafe" in Montenegro verbüßt hat, ist seine neuerliche Inhaftierung laut Staatsanwaltschaft ausgeschlossen. Und Agovics Luxemburger Verurteilungen sind inzwischen angeblich verjährt. Ob er nach seiner Freilassung noch einmal in der Region Trier aufgetaucht ist, wissen die hiesigen Strafermittler nicht.Extra

 Ausbrecherkönig Muhamed Agovic. TV-Foto: Archiv
Ausbrecherkönig Muhamed Agovic. TV-Foto: Archiv

Die spektakuläre Flucht von Muhamed Agovic und seinem Komplizen Fai Cimberti aus der Trierer Justizvollzugsanstalt Ende Dezember 2000 sorgte für teils heftige Nachbeben. Am härtesten traf es eine damals 37-jährige Gefängniswärterin, die Agovic "aus Liebe" bei der Flucht geholfen hatte. Sie wurde vom Trierer Landgericht unter anderem wegen Gefangenenbefreiung und Strafvereitelung im Amt zu einer dreieinhalbjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Agovics Neffe, der seinem Onkel einen Revolver, Ausbruchswerkzeuge und ein Fluchtauto beschafft hatte, wurde im Februar 2002 zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Zwei Jahre Haft wegen Beihilfe zur Gefangenenbefreiung lautete wenig später das Urteil gegen Agovics Schwester. Das in den 70er Jahren erbaute Trierer Gefängnis wurde nach der Flucht von Agovic umgebaut und etwa durch einen hohen Metallgitterzaun mit Detektoren und Videoüberwachung deutlich besser gesichert; der damalige Gefängnisdirektor versetzt. Vier Jahre nach dem Ausbruch sprach das Koblenzer Oberlandesgericht zwei Trierer Justizvollzugsbeamten 18 000 Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz zu. Die beiden Männer waren von Agovic bei dessen Flucht mit einer Waffe bedroht worden, litten seitdem unter psychischen Folgeschäden. Im April 2007 verurteilte das Trierer Verwaltungsgericht einen ehemaligen Justizvollzugsbeamten zur Zahlung von Schadenersatz an das Land. Grund: Der Beamte hatte Agovic vor dem Hofgang nicht hinreichend untersucht. Der Schwerverbrecher konnte deshalb die Pistole mitnehmen. sey