Der Cocktail im Abfluss

Schon lange sind Bäche und Flüsse keine stinkenden Kloaken mehr. Der Abwasserreinigung sei Dank. Allerdings sind die Analysemethoden inzwischen so gut, dass man um ein "neues" Problem weiß: Mikroschadstoffe. Experten halten den Stoffcocktail für riskant.

Wer alle paar Jahre seinen Medikamentenvorrat aufräumt, findet dort jede Menge Müll: abgelaufene Schmerzmittel, Hustensäfte, Antibabypillen oder Antibiotika. Trotz aller Appelle entsorgen noch immer viele Deutsche solche Arzneimittel in der Toilette. Und nicht im Hausmüll, wo sie hingehören.

"Das ist die schlechteste aller Lösungen", sagt Joachim Gerke von der rheinland-pfälzischen Wasserbehörde SGD Nord. Denn der Stoffcocktail landet erst im Abwasser, dann im Bach, im Fluss, im Meer. Und so unweigerlich auch in der Nahrungskette.

Welche Auswirkungen das hat, ist laut Umweltbundesamt bisher wenig erforscht. Allerdings weiß man, dass die Medikamente auf Fische wirken. So kann das weitverbreitete Schmerzmittel Diclofenac bei Fischen Nierenschäden hervorrufen, während Hormone ihre Reproduktion beeinflussen und Beruhigungsmittel dazu führen, dass Flussbarsche mehr fressen und unvorsichtig sind.

Sorgen bereitet Wissenschaftlern auch, dass aus der Landwirtschaft und mit menschlichen Ausscheidungen große Mengen Antibiotika in die Umwelt gelangen, wodurch resistente Bakterienstämme entstehen könnten. Finanziell bleibt das Ganze ebenfalls nicht folgenlos. Gerke rechnet vor: Ein Gramm Diclofenac kostet vier Euro, das Schmerzmittel aus dem Abwasser zu entfernen, schlägt hingegen mit 430 Euro zu Buche. Noch sind die meisten Kläranlagen allerdings gar nicht in der Lage, solche Arzneimittelrückstände aus dem Abwasser zu entfernen.

Das soll sich ändern. Schreibt die Europäische Wasserrahmenrichtlinie doch vor, dass die Gewässer bis 2027 in einem guten Zustand sein sollen. Das heißt, sie müssen auch die Umweltqualitätsnormen für mehr als 40 Mikroschadstoffe erfüllen. Diese Stoffe gelangen mit Arzneimitteln, Pflanzenschutzmitteln, Haushaltschemikalien oder aus der Industrie ins Abwasser und in den Wasserkreislauf. Auch die krebserregenden perfluorierten Tenside, die von den Flughäfen Bitburg, Spangdahlem, Hahn, Büchel und Ramstein aus in die Umwelt fließen, gehören zu den Substanzen, die möglichst nicht mehr in Gewässern anzutreffen sein sollen.Abwassergebühren steigen


Aber wie will man das anstellen? Schon wenn nur die größten Kläranlagen (für mehr als 10 000 Einwohner) des Landes eine vierte Klärstufe bekämen, würde dies mindestens 155 Millionen Euro kosten. Die meisten Kläranlagen sind jedoch deutlich kleiner. "Im Eifelkreis Bitburg-Prüm haben wir sehr viele kleine Anlagen", sagt Gerke. Da seien die Abwassergebühren jetzt schon hoch. "Und die Gebühren steigen ja schon, ohne dass man die Anlagen nachrüstet, weil es immer weniger Menschen werden, die die Kosten tragen." Eine rein ökologische Betrachtung reiche daher nicht. Man müsse sich auch fragen: Wie kommen die Menschen damit zurecht? Anders als Nordrhein-Westfalen dies plane, würden die Kläranlagen in Rheinland-Pfalz daher wohl nicht flächendeckend mit neuer Technik ausgerüstet (siehe Extra). Umweltstaatssekretär Thomas Griese sprach am Dienstag im Umweltausschuss des Mainzer Landtags eine Möglichkeit an, wie die neue Reinigungsstufe finanziert werden könnte: durch eine Bundesverordnung, die festlegt, dass etwa auf frei verkäufliche Schmerzmittel eine neue Abgabe erhoben wird.

Noch ist nichts entschieden, noch wird nach Lösungen gesucht. Wahrscheinlich läuft es auf einen Maßnahmenmix hinaus: Die großen Kläranlagen erhalten eine vierte Reinigungsstufe. "Wir müssen aber auch an der Quelle ansetzen", sagt Gerke. Also dort, wo die Stoffe produziert werden, oder dort, wo sie ins Wasser gelangen. So kann es sinnvoll sein, gefährliche Substanzen ganz zu verbieten - wie dies mit einem der perfluorierten Tenside (PFOS) geschehen ist. Noch sinnvoller wäre es, gefährliche Stoffe gar nicht erst zuzulassen. "Die Industrie muss stärker in die Pflicht genommen werden", fordert Andreas Hartenfels, umweltpolitischer Sprecher der Grünen im Umweltausschuss.

Zudem könnte man die Abwässer von Krankenhäusern oder Pflegeheimen einer Spezialbehandlung unterziehen. Auch von der Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft verspricht Gerke sich viel. Erstaunlicherweise gelange der größte Teil der Pflanzenschutzmittel nämlich gar nicht vom Feld in die Bäche, sondern nach der Reinigung der Maschinen über die Kanalisation. Und dann ist da natürlich noch die Möglichkeit Menschen aufzuklären: Alte Medikamente gehören nicht ins Klo. Niemals. Sie gehören in den Hausmüll.Extra

So funktionieren die vier Stufen der Abwasserreinigung: In der ersten - mechanischen - Reinigungsstufe werden zunächst mit einem Rechen Rückstände wie Toilettenpapier oder Tampons her-ausgefischt. In einem Vorklärbecken setzen sich dann zum Beispiel Fäkalien ab: Am Boden entsteht der sogenannte Primärschlamm, oben kann das Trübwasser abgeleitet werden. In der zweiten - biologischen - Reinigungsstufe werden die im Wasser gelösten Stoffe herausgefiltert. Dabei helfen Mikroorganismen wie Bakterien. Sie nutzen die Inhaltsstoffe des Abwassers als Nährstoffe und wandeln sie im "Belebungsbecken" unter anderem in Kohlendioxid um. Im Nachklärbecken setzt sich dieser "Belebtschlamm" ab, das gereinigte Abwasser darüber wird abgeleitet - in der Regel in einen Fluss. Manchmal folgt danach noch eine dritte - chemische - Reinigungsstufe, bei der etwa Phosphate entfernt werden. In der Diskussion ist aktuell, große Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe auszustatten, die auch Mikroschadstoffe aus dem Wasser entfernen kann. Dazu gibt es verschiedene Methoden: Die Stoffe können mit aggressiven Sauerstoffmolekülen (Ozonierung) aufgespalten oder mit Aktivkohle herausgefiltert werden. dpa/MosExtra

Der Cocktail im Abfluss
Foto: (e_bit )

An der Sauer ist in Zusammenarbeit mit Luxemburg und dem Saarland ein Interregprojekt geplant. Dort will man dem rheinland-pfälzischen Umweltministerium zufolge herausfinden, wie hoch die Belastung des Flusses ist und wie die Mikroschadstoff-Konzentration gesenkt werden könnte. Dieses Projekt, das noch in der Vorbereitung ist, soll helfen, die Frage zu beantworten, ob eine vierte Reinigungsstufe sinnvoll ist oder nicht. wie/Mos