Der "Einheiz-Kanzler"

Helmut Kohl - das war nicht nur der späte, dem Alltag entrückte Kanzler der Einheit. Das war auch ein junger Wilder, der von Rheinland-Pfalz aus den Laden kräftig aufmischte. Und der dabei eine enge Verbindung zur Region Trier und vielen Mitstreitern vor Ort pflegte.

Trier. Horst Langes ist keiner, der vor anderen Menschen in Ehrfurcht erstarrt. Nicht einmal vor Helmut Kohl, der den Trierer CDU-Politiker 1974 als Staatssekretär in sein Mainzer Landeskabinett holte. Als er auf seine Ernennung damals einen ausgeben wollte, so erinnert sich der heute 82-Jährige, habe ihm die Kohl-Vertraute Juliane Weber geraten, statt Bier lieber Schokoladenkuchen zu spendieren - damit könne man beim Chef punkten.

Öfter mal inkognito zu Besuch in Trier



Vieles, was Langes aus seinem großen Kohl-Anekdotenschatz preisgibt, hat mit Essen und Trinken zu tun. So wie die Geschichte von dem 13 Kilo schweren Schinken, den sich der Kanzler nach der sommerlichen Abmagerungskur in Österreich beim Metzger holte, um den Erfolg seiner Bemühungen aufs Gramm genau vor Augen zu haben. "Er liebt halt bildhafte Symbole", sagt Langes.

Vielleicht zog es ihn deshalb oft nach Trier, wo er die römischen Bauwerke bewunderte. "Manchmal kam er ohne große Ankündigung mit seinen Mitarbeitern aus Bonn zu einem Betriebsausflug", erzählt der frühere Trierer OB Helmut Schröer, "dann lief er einfach durch die Stadt, und die Leute waren völlig erstaunt".

Kohls Mosel- und Eifel-Visiten gehen bis in die frühen 60er Jahre zurück. Damals schmiedete der spätere Kanzler an seinen legendären Seilschaften, auf Neu-deutsch: Netzwerke. Die Trierer Heinrich Holkenbrink und Otto Theisen, der Konzer Michael Kutscheid, die Eifeler Adolf Billen und Julius Saxler: "Er wusste genau", sagt Horst Langes, "welche Leute er brauchte." Und denen blieb er ein politisches Leben lang treu. Aber er vergaß auch nie Negatives: "Wenn ihm einer quer kam, dann hatte er ein Gedächtnis wie ein Elefant."

Für die Region zahlten sich die guten Verbindungen aus. Die Gründung der Uni Trier-Kaiserslautern, der Aufbau der Verkehrs-Infrastruktur: Ohne Kohls Wohlwollen wäre da nichts gegangen. Wie damals Politik gemacht wurde, illustriert die Überlieferung eines Besuchs von Kohl und Holkenbrink in Prüm: Der listige Verkehrsminister soll die Karosse des Regierungschefs über vermeintliche Abkürzungen so gelotst haben, dass man auf miserablen Landstraßen hängen blieb - was den Bau der Eifel-Autobahn nachhaltig beschleunigte.

Viele der Erinnerungen aus der Region zeichnen ein völlig anderes Bild, als es mit dem späten, fast monumentalen Helmut Kohl verbunden wird. "Er war für uns ein jugendlicher Wirbelwind", sagt der Konzer Politiker Manfred Wischnewski, der damals dem Bezirk der Jungen Union vorstand und Versammlungen mit dem "jungen Wilden" in Trier leitete. Der Redner Kohl habe mächtig eingeheizt, und zwar auch der eigenen Partei. Und er habe reihenweise talentierte junge Leute an sich gebunden, "so wie Geißler, Vogel, Blüm oder Hanna Renate Laurien".

Keine Angst vor unpopulären Entscheidungen



Vor Unpopulärem schreckte der Pfälzer nicht zurück. Er gewann die SPD für eine einschneidende, aber notwendige Gebietsreform, die vor Ort jede Menge Ärger brachte. Die Kombination von taktischem Geschick und Beharrlichkeit sollte er später noch häufiger brauchen.

Der Oggersheimer galt vor allem als Mann des Volkes. "Mir hat imponiert, dass er sein Wurstbrot aus der Hand gegessen hat", erinnert sich der Eifel-Abgeordnete Michael Billen an einen Besuch in seinem Kaschenbacher Elternhaus vor 45 Jahren. Selbst um kleinste Anliegen kümmerte sich Kohl persönlich. "Wenn ich morgens ins Büro kam, gab es manchmal gleich ein Donnerwetter, weil bei irgendeiner Schule das Dach undicht war", entsinnt sich Ex-Bildungs-Staatssekretär Langes.

Aber Kohls volkstümliche Bodenständigkeit, die ihn zum Objekt mancherlei intellektuellen Spotts werden ließ, war nur eine Facette seiner Persönlichkeit. Langes hat auch das Bild eines "belesenen Menschen" im Kopf, der Stammgast in der Bibliothek des Landtags war, sich mit Literatur und Bildender Kunst beschäftigte. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Arp-Museum in Rolandseck, die Villa Musica - das alles habe den promovierten Geschichtswissenschaftler interessiert. "Na ja", sagt Langes, "Musik vielleicht weniger".

Warum Kohl in seinen späteren Kanzlerjahren so ganz anders rüberkam, können auch seine Trie rer Wegbegleiter nicht so recht erklären. "Manches hat sich abgeschliffen", sagt Wischnewski. Stur sei er halt gewesen, "er könnte ein Eifeler Bauer sein", vermutet Billen. Und Langes zitiert einen Spruch, den er dieser Tage in einer der vielen Kohl-Würdigungen im Fernsehen gehört hat: "Wenn er in einen Raum hineinkam, dann war das Zimmer voll." Der junge Kohl habe Widerspruch noch herausgefordert, der ältere ihn nicht mehr geduldet.

Das Faible für Trier blieb über seine Amtszeit hinaus. "Er sah uns wohl als Symbol für die Aussöhnung mit Frankreich und Luxemburg, die ihm sehr wichtig war", glaubt Ex-OB Schröer. Im Gegenzug war die Stadt 1999 drauf und dran, den Mann aus Ludwigshafen zum Ehrenbürger zu machen. Schröer hatte die Mehrheiten zusammengezimmert, und Kohl hatte Zustimmung signalisiert. Doch dann kam der mächtige Schatten des CDU-Spendenskandals - und so waren auch die Ehrenbürger-Pläne vom Tisch.

Kohls letzter offizieller Auftritt in Trier im Jahr 2006 markiert auch ein Stück politische Tragik: Er kam, um seinen einstigen politischen Ziehsohn Christoph Böhr im Landtagswahlkampf zu unterstützen. Böhr brach ein, und ein einflussreicher Helmut Kohl, der ihn als treuen Weggefährten vor dem Sturz ins Bodenlose hätte bewahren können, war nicht mehr da. Das in Rheinland-Pfalz geborene und nach Bonn übertragene "System Kohl" gab es nicht mehr.