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Der Gang zum Sozialamt bleibt vielen nicht erspart

Der Gang zum Sozialamt bleibt vielen nicht erspart

TRIER. Seit zehn Jahren besteht die Pflegeversicherung. Jeder Arbeitnehmer muss seinen Beitrag leisten. Doch ist man damit tatsächlich im Ernstfall abgesichert?

Sie sollte Pflegebedürftige und Angehörige entlasten. Statt die teure Pflege aus der eigenen Tasche zu bezahlen, sollten die Pflegekassen dafür aufkommen. Das war das erklärte Ziel der Pflegeversicherung, als sie vor zehn Jahren eingeführt wurde. Doch die Realität sieht heute ganz anders aus. Knapp 3000 Euro kostet ein Platz im Pflegeheim. Die Zuzahlungen der Kassen reichen dafür nicht aus. Die Pflegebedürftigen oder ihre Angehörigen müssen einen Großteil der Kosten aus eigener Tasche bezahlen, zwischen 11000 und 1600 Euro Falls sie das nicht können, springt die Sozialhilfe ein. Trotz Pflegeversicherung sind heute mehr Betroffene vom Sozialamt abhängig als vor zehn Jahren. Jeder vierte Heimbewohner lebt mittlerweile von Sozialhilfe. Nur jeder sechste Pflegebedürftige hat vorsorglich eine private Pflegeversicherung abgeschlossen. Knapp 35 000 Plätze in 410 Pflegeheimen gibt es in Rheinland-Pfalz. Nach Angaben des Ersatzkassenverbands werden dort derzeit rund 30 000 Pflegebedürftige betreut. Kosten für die Pflegekassen: 390 Millionen Euro pro Jahr. Seit 1996 übernimmt die Pflegeversicherung die Heimunterbringung. Dass damit längst nicht alle Kosten gedeckt sind, weiß man bei den Kassen. "Die Pflegeversicherung war nie als Vollkasko-Versicherung geplant. Die gezahlten Leistungen sollten und konnten nicht den gesamten Aufwand der Pflege abdecken", sagt Armin Lang, Leiter der Ersatzkassenverbände im Land. Da die Leistungen aber seit zehn Jahren nicht an die gestiegenen Preise angepasst worden seien, sei der Eigenanteil der Versicherten ständig gestiegen. Auch der Beitrag blieb seitdem stabil, 1,7 Prozent vom Bruttolohn (Kinderlose müssen 0,25 Prozent mehr zahlen) gehen monatlich an die Pflegekasse. Zwischen 200 und 800 Euro müssen Versicherte im Monat zuzahlen, wenn sie von einem ambulanten Dienst zwei Mal in der Woche gepflegt werden. Lang fordert, dass die Unterstützung der Pflegeversicherung den tatsächlichen Bedürfnissen angepasst wird, um die Betroffenen zu entlasten. Fraglich nur, wie das finanziert werden soll. Seit 1999 produziert die Pflegeversicherung rote Zahlen, 2003 ist das Minus auf knapp 700 Millionen Euro angewachsen. Weil seit Anfang des Jahres Kinderlose mehr für in die Pflegeversicherung zahlen müssen, kann der Beitrag vermutlich noch einige Zeit stabil gehalten werden. Doch die Zahl der Empfänger steigt. Waren es laut Informationsdienst der deutschen Wirtschaft 2002 noch knapp 1,9 Millionen Bürger, werden es 2020 bereits 2,5 Millionen sein, die auf Kosten der Pflegeversicherung versorgt werden müssen. Die steigenden Kosten werden die Rücklagen auffressen. Pro Versicherten mussten die gesetzlichen Pflegeversicherungen im Schnitt 246 Euro aufwenden. Insgesamt geben die Kassen in Rheinland-Pfalz jährlich 834 Millionen Euro aus. Alle sind sich einig: An einer Reform führt kein Weg vorbei. Die Ersatzkassen im Land wollen zusammen mit den Ärzten und den Pflegeeinrichtungen Verbesserungen für die Pflegebedürftigen auf den Weg bringen. Die Betroffenen sollen solange wie möglich zu Hause betreut werden. Kommunen sollen ehrenamtliches Engagement zur Versorgung von Pflegebedürftigen fördern. Außerdem dürfe sich Pflegebedürftigkeit nicht mehr nur am reinen Krankheitsbild orientieren, sondern auch den sozialen Betreuungsaufwand berücksichtigen.