Der Johanniskraut-Effekt

Gutmenschen aller Länder, vereinigt euch! Hört eure Lieblingsmusik, feiert eure Helden – und ihr werdet ein reines Gewissen haben. "Live 8", das größte Konzert aller Zeiten, hat gezeigt: Es braucht nicht mehr als ein paar Popstars und eine moralisch einwandfreie Botschaft – schon befasst sich die Menschheit mit einem Thema, das viele ansonsten lieber verdrängen: die Not in Afrika.

Gutmenschen aller Länder, vereinigt euch! Hört eure Lieblingsmusik, feiert eure Helden – und ihr werdet ein reines Gewissen haben. "Live 8", das größte Konzert aller Zeiten, hat gezeigt: Es braucht nicht mehr als ein paar Popstars und eine moralisch einwandfreie Botschaft – schon befasst sich die Menschheit mit einem Thema, das viele ansonsten lieber verdrängen: die Not in Afrika. Was Politikern nie und Religionsführern nur selten gelingt, erledigen rockende Weltverbesserer wie Bob Geldof, Paul McCartney oder Robbie Williams mit wenigen Akkorden: Sie mobilisieren große Teile der Erdbevölkerung – in der Hoffnung, eine Internationale zu formieren im Kampf gegen Armut und Hunger, für eine Welt, in der es gerecht zugeht. Seit dem "Live Aid"-Konzert vor zwanzig Jahren findet sich überall und immer wieder ein Häuflein Gerechter im Namen einer guten Sache: für das Wohl von Straßenkindern oder Drogenabhängigen, für die Befreiung politischer Gefangener, gegen Rassismus oder Hartz IV. Sind Popstars im Zeichen der Globalisierung die besseren Politiker? Und die Popkultur, jene oft verteufelte Melange von Sex&Drugs& Rock’n’Roll, in Wahrheit der beste Weg, die Welt zu verändern? Mitnichten. Die Appelle der "Live 8"-Macher an Bush, Blair, Chirac & Co. klingen gut – und bringen wenig. Afrika ist von Bürgerkriegen zerrüttet, von korrupten Eliten ausgeplündert, von Hunger, Naturkatastrophen und Aids heimgesucht. Vor drei Jahren schlossen die Reichsten und Ärmsten der Welt einen Vertrag: Afrikas Regenten geloben Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, die Wohlstandsnationen geben Milliarden – aber nur für die, die handeln. Genau daran hapert es: In 13 von 53 afrikanischen Staaten toben bewaffnete Konflikte oder Kriege. Hilfe zur Selbsthilfe ist da unmöglich. Und dass sich die Anstifter der Gemetzel für gutmenschelnde Popmusiker und deren Ideale begeistern, ist nicht überliefert. So bleibt von "Live 8" wohl nicht mehr als der Johanniskraut-Effekt – er sorgt für die Beruhigung des Gewissens, trägt aber nicht nachhaltig dazu bei, die Symptome von Armut und Ungerechtigkeit auf der Welt zu bekämpfen. p.reinhart@volksfreund.de