Der Kampf gegen intelligente Bakterien

Der Kampf gegen intelligente Bakterien

Die Medizin steht vor einer Herausforderung: Neue, aggressivere Keime, die gegen Antibiotikum resistent sind, breiten sich immer schneller aus. Vor allem in Kliniken lauert die Gefahr - die sich aber nicht verhindern lässt.

Trier. Das Telefon von Peter Leonards klingelt. Eine Stationsschwester ist dran. Bei einem Patienten ist eine Infektion mit einem ESBL-Keim festgestellt worden. Die Abkürzung ESBL (extended-spectrum beta-lactamase) steht nicht für einen bestimmten Keim, sondern für eine gemeinsame Eigenschaft einiger Darmkeime: Sie sind resistent, sie haben sich genetisch verändert und reagieren nicht mehr auf Antibiotikum, das sie eigentlich bekämpfen soll. Gefährlich werden Darmkeime, die jeder Mensch in sich trägt und die normalerweise nützlich sind, dann, wenn sie zu Infektionen führen. Wie etwa bei dem Patienten im Trierer Mutterhaus. Dort hat ein solcher Keim zu einer Wundinfektion geführt. Die Pflegerin will von Leonards, der Hygienefachkraft der Klinik ist, wissen, wie sie das Zimmer des Patienten, der heute verlegt wird, reinigen lassen soll. Er empfiehlt eine spezielle Desinfektion.
Das ist Alltag für Leonards. Er sorgt dafür, dass sich durch Einhaltung von Hygienemaßnahmen Keime nicht ausbreiten. Doch verhindern lassen sie sich nicht. Dabei macht den Medizinern und Hygieneexperten der weit verbreitete Krankenhauskeim MRSA, der gleich gegen mehrere Antibiotika resistent ist, weniger Kopfzerbrechen, als zwar bekannte, aber aggressiver gewordene Keime wie Ehec. Die Zahl der MRSA-Infektionen sei seit Jahren mehr oder weniger gleich, sagt Joachim Vogt, Chefarzt und Hygieneexperte im Brüderkrankenhaus in Trier.
Es sei "erschreckend", so Leonards, wie schnell sich manche Keime anpassen könnten. Es gebe Fälle, in denen bekannte Bakterien ein halbes Jahr nachdem ein neues Antibiotikum auf den Markt gekommen sei, bereits resistent dagegen seien. "Bakterien sind intelligent", sagt Vogt.
Harald Michels, Leiter des Trie rer Gesundheitsamtes und Infektionsexperte, hält die Krankenhäuser in der Region für gut vorbereitet auf die Ausbreitung von resistenten Keimen. Viele Häuser hätten mittlerweile mehr Hygienefachkräfte eingestellt. Akute Infektionserkrankungen wie etwa Ausbrüche von Noro- oder Maserninfektionen in den Kliniken, würden unmittelbar dem Gesundheitsamt gemeldet, so dass schnell reagiert werden könne. In solchen Fällen komme es darauf an, möglichst rasch eine Weiterverbreitung durch entsprechende Hygienemaßnahmen und Isolierung der betroffenen Patienten zu verhindern.
Zu den effektivsten Hygienemaßnahmen gehöre noch immer das Händewaschen, sagt Vogt. Hygieneexperte Leonards kontrolliert regelmäßig anhand des Verbrauchs von Desinfektionsmittel, der Zahl der Patienten pro Station, wie häufig sich das Personal die Hände desinfiziert hat.
Doch nicht nur Krankenhäuser und Ärzte seien gefragt, sagt Leonards. Jeder einzelne könne etwas dazu beitragen. Etwa indem bewusster gegessen und eingekauft werde. Denn noch immer steckt vor allem in Fleisch viel Antibiotikum. Das Medikament wird in der Massentierhaltung verabreicht, um die Tiere resistenter gegen Infektionen zu machen. Allerdings nimmt der Mensch das Antibiotikum über die Nahrung unbewusst ein und fördert dadurch die Resistenz gegen das Arzneimittel.
Die Experten sind sich einig, dass man mit diesen Maßnahmen die Verbreitung gefährlicher Keime allenfalls eindämmen kann. "Es wird immer wieder neue Epidemien geben, die auch zu Todesfällen führen", sagt Vogt. Das sei eine Herausforderung für die Medizin, aber: "Wir stehen diesen aber nicht machtlos gegenüber."Meinung

Nach Ehec ist vor Ehec
Die rasante Ausbreitung des gefährlichen Darmkeims Ehec hat gezeigt, dass die Medizin trotz aller Fortschritte schnell an ihre Grenzen kommt. Ein längst bekannter Keim hat sich derart verändert und ist gegen Antibiotikum resistent geworden, dass innerhalb kürzester Zeit über 3000 Menschen erkrankt sind, einige davon lebensgefährlich, 48 Personen sind an der Infektion mit Ehec gestorben. Im Vergleich zu den Tausenden von Grippe-Toten jedes Jahr und den 700 000 Patienten, die durch Krankenhauskeime infiziert werden, erscheint die Ehec-Krise eher unbedeutend. Aber sie zeigt, dass die Medizin vor einer neuen Herausforderung steht. Nicht nur dass Keime und Viren sich offenbar immer schneller verändern und aggressiver werden. Sie breiten sich auch schneller aus. Das hat sich bei der Schweinegrippe gezeigt, bei der es nur wenige Tage gedauert hat, bis die Viren von Mexiko in Deutschland waren. Das ist der Preis, den wir für eine globale, vernetzte Gesellschaft zahlen müssen. Daher wird es auch in Zukunft neue Epidemien geben, die auch Todesopfer fordern werden. Nach Ehec ist sozusagen vor Ehec. Das wiederum ist der Preis, den wir für eine moderne Medizin bezahlen müssen. Antibiotika retten Leben, sind aber kein Allheilmittel. Weil sie noch immer viel zu leichtfertig verordnet werden, werden sie immer wirkungsloser, Keime können sich ungehindert ausbreiten. Ein Umdenken ist erforderlich. In vielen Kliniken ist das bereits geschehen. Nicht aber bei allen Ärzten und Patienten. b.wientjes@volksfreund.de

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