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Der Kampf um die Ressource Mensch

Michael Borens.ARCHIV-Foto: IHK
Michael Borens.ARCHIV-Foto: IHK FOTO: (h_st )
Trier. Der Boom auf dem regionalen Arbeitsmarkt hält an. Und künftig sind die Betriebe noch mehr gefordert, gute Mitarbeiter auszubilden und auch zu halten. Was nun wichtig ist, um die regionale Wirtschaftskraft zu erhalten. Sabine Schwadorf

Trier Wenn Herbert Zahnen aus Arzfeld (Eifelkreis Bitburg-Prüm) und Bernhard Clemens aus Wittlich vom Fachkräftemangel sprechen, dann sind die beiden Unternehmer aus der Region Trier gar nicht so resignativ wie das allgemeine Rauschen in der deutschen Wirtschaft vermuten lässt. Denn beide sind auf ihre Weise den zunehmenden Mangel an passenden Mitarbeitern für ihre Betriebe ganz pragmatisch angegangen.
Clemens bildet seit Jahren konsequent über Bedarf aus und bindet anschließend seine Mitarbeiter ans Unternehmen. Dafür geht das Unternehmen auch ungewöhnliche Wege und schaltet Kinospots über die Lehre im Unternehmen. Die Folge: "Etwa 90 Prozent unserer rund 180 Mitarbeiter haben auch bei uns gelernt", sagt der Firmenchef. Viele Unternehmen hätten dafür bislang zu wenig getan: "Natürlich ist Ausbildung ein Kostenfaktor, aber wer jetzt erst investiert, hat auch erst in drei Jahren neue Fachkräfte."
Aber auch in anderen Segmenten des Arbeitsmarkts hat sich Clemens umgeschaut: So hat er acht Flüchtlinge angestellt. Fünf von ihnen absolvieren eine Ausbildung in dem Wittlicher Spezialbetrieb für Weinbau-, Getränke- und Landtechnik, ein deutsches Lehrerehepaar unterstützt sie unterdessen beim Deutschlernen. "Das ist eine so tolle Chance für Deutschland. Da müssen wir Betriebe stärker umdenken", ist Bernhard Clemens überzeugt. Viele Migranten wollten arbeiten, die Unternehmen müssten sie dabei allerdings unterstützen.
Auch Herbert Zahnen weiß, wie wichtig Nachwuchsarbeit ist. Weil er in Arzfeld im Isleker Grenzgebiet auch noch die Abwanderung seiner Mitarbeiter nach Luxemburg fürchten muss, ist der Firmenchef in Vorlage getreten. "Wir haben eine sehr gute Auftragslage, aber man spürt, dass der Fachkräftemangel zunimmt", gesteht Zahnen, dessen 80 Mitarbeiter Spezialisten für Wasser- und Abwasseranlagen sind. Eine Handvoll Stellen könnte er gleich neu besetzen, bei passgenauen Bewerbern sogar mehr.
Sein Entschluss: Zahnen bietet eine Kombiausbildung zweier Berufe an, deren Voraussetzung das Abitur ist und die eine Übernahmegarantie bietet. Denn solche Fachkräfte sollen von vornherein eine längere Laufbahn im Unternehmen erhalten und Ingenieurstätigkeiten ausüben. Außerdem bietet der Eifeler seinen Mitarbeitern seit diesem Jahr ein Lebensarbeitszeitkonto an. "Während für die Mitarbeiter die Flexibilisierung in der Elternzeit geregelt ist, ist sie es in der Pflegezeit von Angehörigen nicht. So bieten wir Jungen die Möglichkeit zu einer Weiterbildung oder einem Sabbatical und den Älteren die Chance auf eine Arbeitspause oder Arbeitszeitverkürzung", sagt der Firmenchef. Damit nicht genug: Herbert Zahnen plant in einer Kooperation mit einem deutschsprachigen Institut im Iran mittelfristig eine Expansion in den Nahen Osten, wo er auch Fachleute ausbilden will. "Der Mangel an geeigneten Fachleuten wird sich massiv verschärfen", ist er überzeugt.
Unternehmensbeispiele, die die Wirtschaftskammern und Arbeitsagentur freuen, deren Ideen jedoch noch zu wenig Nachahmer finden. "Ausgezeichnete Betriebe haben erkannt, dass man heute als Arbeitgeber anders um die Ressource Mensch kämpfen muss", sagt Heribert Wilhelmi, Leiter der Trierer Arbeitsagentur. Und da gebe es in der Region noch "zu wenig Leuchttürme", zu wenig Unternehmen, deren Belegschaft und Produktion auf den Wandel vorbereitet seien.
"Natürlich gehen der Region Trier nicht ganz die Fachleute aus, aber die Fachkräftesicherung ist der größte Risikofaktor für die Betriebe", sagt auch Matthias Schmitt, Konjunkturexperte der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier stellvertretend für die Wirtschaftsorganisationen. Und die "Fachkräftelücke" nehme stetig zu. Folglich sieht auch die IHK die Notwendigkeit zu einer "modernen Personalpolitik", wie es Martina Becker, zuständig für Standortpolitik, formuliert. "Die Unternehmen müssen sich bewusst als attraktiver Arbeitgeber in der Region Trier positionieren", sagt sie.
Angesichts von immer weniger Arbeitnehmern, um die die Betriebe ringen, sieht der Trierer Volkswirtschaftler Uwe Jirjahn die Gefahr "zunehmender Polarisierung in den Betrieben". Das geeignete Personal zu rekrutieren wird nämlich nicht nur aufwendiger, sondern auch "zunehmend individueller, für uns, aber auch für die Betriebe", sagt Arbeitsagenturchef Wilhelmi. Wunschkandidaten gebe es nicht mehr, die klassische Stellenvermittlung sei eine Seltenheit. Sein Vorschlag für die Zukunft: "Lebensbegleitende Berufsberatung." Von der Schule bis zur Rente könnten so einerseits Arbeitnehmer nach ihren Bedürfnissen beraten und andererseits Unternehmen bei der Rekrutierung unterstützt werden.

Extra: "DIE LAGE VERSCHÄRFT SICH NOCH MASSIV"


Der Fachkräftemangel wird sich massiv verschärfen. Denn wir haben einerseits den demografischen Wandel, andererseits aber auch einen Trend zur Akademisierung. Weil derzeit rund 60 Prozent der Studierenden der Elektrotechnik ihr Studium abbrechen, fehlen die dem Arbeitsmarkt zusätzlich. Derzeit könnten wir etwa fünf Arbeitskräfte zusätzlich einstellen, wenn sie genau auf unser Profil passten, sogar noch mehr. Herbert Zahnen, Zahnen Technik Arzfeld, etwa 80 Mitarbeiter Wir hatten aufgrund unserer Arbeitsbedingungen immer schon Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden. Und man braucht die Lage auch nicht schönzureden: Der Beruf ist schön und vielseitig, aber wenig attraktiv. Ich bin mit meinem Betrieb noch gut aufgestellt, aber es gibt immer mehr Kollegen, die aufgeben. Nur eine höhere Entlohnung könnte mehr Leute zu uns bringen. Sonst wird das Brot vom Bäcker zum Auslaufmodell. Michael Bores, Bäckermeister aus Tawern, 9 Mitarbeiter Wir bilden schon immer 30 Azubis aus, und vor zwei Jahren haben wir ihre Zahl sogar auf 35 erhöht. Viele hielten uns für verrückt, aber heute ernten wir die Früchte kontinuierlicher Ausbildung. Wir haben keine Probleme mit dem Fachkräftemangel. Wir wachsen stetig und können fast alle Azubis übernehmen. Wir haben aber auch acht Flüchtlinge eingestellt, fünf von ihnen machen eine Lehre. Bernhard Clemens, Clemens Technologies Wittlich, 180 Mitarbeiter

Bernhard Clemens. Foto: Privat
Bernhard Clemens. Foto: Privat FOTO: (wm_wwil )
Herbert Zahnen.Foto: privat
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