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Der Krieg in Libyen schlägt schlimme Wunden

Der Krieg in Libyen schlägt schlimme Wunden

Mit jedem Kriegstag wird die Lage in den Krankenhäusern Ost-Libyens angespannter. Medikamente gehen zur Neige. Schon jetzt fehlt es an speziellem OP-Material, sagt ein in Deutschland ausgebildeter Arzt. Verletzte hoffen auf Transport in westliche Spezialkliniken.

Bengasi. Islam Lahuti (17) zeigt seine im Kampf gegen die Truppen von Machthaber Muammar al-Gaddafi erlittenen Wunden wie einen Orden vor. Fünf Schussverletzungen hat Lahuti abbekommen, gleich am ersten Tag seines Einsatzes im Westen von Bengasi, sagt er.

"Ich bin bis auf 20 Meter mit einer Handgranate an einen fahrenden Panzer ran, dann kamen sie mit einem Auto und feuerten aus einer Kalaschnikow. Mein Freund ist tot", sagt der Jugendliche.

Die Ärzte im Krankenhaus "Al-Dschalha" haben die Schussverletzung im Bauch zusammengeflickt, aber in der rechten Wade fehlt ein Stück. Lahuti wartet darauf, dass er im Ausland operiert werden kann, will dann aber "unbedingt zurück in den Kampf". Die Verletzungen haben der auch bei anderen verbreiteten Mischung aus jugendlichem Leichtsinn und revolutionärem Überschwang nur einen Dämpfer verpasst.

Die Mediziner haben seit dem Beginn der Kämpfe in Libyen keine ruhige Minute mehr. Aus der ganzen Region wurden Schwerverletzte von der Front in die Notaufnahme gebracht. Mohamed Al-Swehli ist einer von nur zwei Gefäßchirurgen im Osten Libyens und hat das Fach von 1992 an acht Jahre in Düsseldorf gelernt. Auf seinem Tisch landen Patienten mit schweren Verletzungen an Rumpf, Gliedern und Gesicht. "Wir operieren inzwischen schon Fälle ohne Sterilisation", sagt Al-Swehli. "Es fehlt vor allem an speziellen Dingen wie Gefäßprothesen oder Betäubungsmitteln", sagt er. Wenn er verletzte Adern nicht versorgen könne, steige die Rate der Amputation unweigerlich. "Wir brauchen diese Medikamente so schnell wie irgend möglich", sagt er und meint dies als Hilferuf.

Der Arzt arbeitet - wie seine Kollegen - mehr als 16 Stunden am Tag. Sie bemühen sich, den Betrieb unter allen Umständen am Laufen zu halten. Dabei sei das Krankenhaus sowieso unterversorgt, weil unter Gaddafis Regime Verwalter Gelder veruntreut hätten, die für das Krankenwesen bestimmt gewesen seien, sagen sie. Der bisherige Krankenhauschef sei geflüchtet.

Nujud Omar ist Ärztin in der Abteilung für plastische Chirurgie. Sie sorgt sich um die Möglichkeiten des Hospitals, das bei einer weiteren großen Welle von Verletzten völlig überfordert wäre. Sie hofft, dass Hilfsorganisationen Patienten mit schweren Brandverletzungen aus Bengasi herausholen. Drei Schwerverletzte seien schon gestorben. Im Lager gehen besonderes Verbandsmaterial und Antibiotika zur Neige. Dazu kommt, dass viele Verletzte sich zunächst in ihre Häuser haben bringen lassen, weil sie fürchteten, in Krankenhäusern später von Einheiten Gaddafis abgefangen zu werden. Die Krankenhäuser können zwischen den Städten kaum kommunizieren, weil die Telefonanlagen und Mobilfunknetze gestört sind. So haben die Ärzte selbst auch keinen genauen Überblick über die Gesamtzahl der Toten und Verletzten dieses Krieges.

Am Eingang des Krankenhauses hängen Fotos von Vermissten mit Telefonnummern. Verzweifelt wartende Angehörige haben sie dort angebracht.

"Es wurden auch Tote gebracht, die wir nicht identifizieren können", sagt Najah al Kaseh, eine Pflegerin in dem Krankenhaus.

Ihr eigener Bruder Hamid (31) liegt nur wenige Zimmer weiter. Er war unter Gaddafi Mitglied der politischen Polizei und wechselte dann die Seiten, um in einer Spezialeinheit der Aufständischen zu kämpfen. Eine Katjuscha-Rakete hat ihn verbrannt , wie einer seiner Kameraden am Krankenbett sagt. Der Kopf und die Hände sind verbunden. Sein Augenlicht ist verloren, sagt die Schwester. "Allahu akbar", wispert Hamid. Mit seiner verbrannten Hand zeigt er das Siegeszeichen.

EXTRA ZIVILE OPFER



Bei einem alliierten Luftangriff auf einen Militärkonvoi des Gaddafi-Regimes in Libyen sollen nach einem unbestätigten Bericht sieben Zivilisten ums Leben gekommen sein. Ein BBC-Reporter in der von Regimegegnern kontrollierten Stadt Adschdabija berichtete am Freitag unter Berufung auf einen libyschen Arzt von dem Angriff. Der Mediziner sei zwei Tage zuvor in ein Dorf in der Nähe des umkämpften Ölhafens Brega gerufen worden. Dort seien sieben Menschen getötet und 25 weitere verletzt worden, als alliierte Flugzeuge Raketen auf den Militärkonvoi abgefeuert hätten. dpa