Der letzte Rot-Grüne

Peter Struck wird sich hin und wieder Gedanken über seinen Abschied als Politiker gemacht haben. Gründe dafür gibt es genug: Allerhand Ämter hat er hinter sich, darunter das des Verteidigungsministers. Inzwischen ist der SPD-Fraktionschef 65 Jahre alt, 2005 zog er zum achten Mal in den Bundestag ein.

Berlin. Zwei Herzinfarkte, eine Operation an der Halsschlagader, schließlich 2004 ein Schlaganfall, das alles hat er überstanden. Lange sah es jedoch so aus, als ob der Jurist den richtigen Zeitpunkt für den Rückzug verpassen würde. "Nun aber bitte ich Euch um Verständnis, dass ich mich am Ende der Legislaturperiode im Herbst 2009 aus der Bundespolitik zurückziehen werde", kündigte er gestern in einem Brief an die SPD seines Wahlkreises Celle/Uelzen an. Das klang schon mal anders. "Ich kann auch mein eigener Nachfolger werden", war oft seine Antwort auf die nervige Frage, wer ab 2009 die SPD-Fraktion führen wird. Als vor einigen Tagen das Gerücht umging, Struck werde noch in diesem Jahr als Fraktionschef von Umweltminister Sigmar Gabriel abgelöst, reagierte er mächtig ungehalten - nein, Struck hat sich nur selten etwas vorschreiben lassen. Schon gar nicht von den Medien, deren Vertreter er allzu gerne burschikos duzt. Außerdem hat er noch ein Projekt vor: Er will die Föderalismusreform II bis zur Bundestagswahl im kommenden Jahr zu Ende bringen, deren Co-Vorsitz er innehat. Schwierig genug.

Manche Politiker werden ruhiger, wenn sie älter werden. Bei Struck ist das anders gewesen - er hat sich in die andere Richtung verändert. Je näher die Frage des Abschieds ihm auf die Pelle rückte, desto raubeiniger schien der gebürtige Göttinger zu werden. Ein großer Redner ist er ja ohnehin nicht, da mag manches deftiger geklungen haben als gemeint. Er ist auf alle Fälle ein Rot-Grüner. Nur: Schröder, Fischer, Schily, Müntefering, sie alle sind nicht mehr. Struck ist übriggeblieben. Das ständige Arrangieren mit der Großen Koalition, mit einer Kanzlerin, die er nie gemocht hat, mit der aber immer wieder in irgendwelchen Berliner Restaurants auf den koalitionären Frieden anstoßen muss - das hat Spuren hinterlassen. Viele Nerven gekostet. Vielleicht poltert er auch deshalb so oft. Tapfer hat er mit dem Fraktionsvorsitzenden der Union, Volker Kauder, eine Männerfreundschaft inszeniert. Wahr ist allemal, dass beide die Stützpfeiler der Koalition sind. Den Mund lässt er sich deswegen nicht verbieten. "Die kann mich mal", schleuderte er unlängst aus Verärgerung der CDU entgegen. Mit "die" sei die Partei gemeint, betonte Struck später - in Wahrheit entlud sich in einem Satz viel Frust über die schlecht zu fassende Kanzlerin, über die Arroganz der Union und die miserable Lage der eigenen Partei.

Auf der anderen Seite hat ihm SPD-Chef Kurt Beck alle Freiheiten gegeben. Beck ist Struck zu Dank verpflichtet, schließlich unterstützte er ihn beim Machtkampf mit Franz Müntefering um die Verlängerung des Arbeitslosengeldes I und damit um die Richtung der SPD.

"Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt", ist der Satz, der von Struck aus seiner Zeit als Verteidigungsminister hängen bleiben dürfte. Mit einem knappen "War's das?", pflegt der Pfeifenraucher und Motorradfahrer indes Gespräche zu beenden. 2009 war es das dann. Über seine Nachfolge wird seit langem spekuliert. Nachdem Olaf Scholz vom parlamentarischen Geschäftsführer der SPD zum Arbeitsminister aufgestiegen ist, gilt Umweltminister Sigmar Gabriel als aussichtsreichster Kandidat. "Die SPD muss geschlossener auftreten", forderte Struck jüngst mit Blick auf Basis und Parteispitze - heute klingt das wie ein Arbeitsauftrag.