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Der letzte Weg eines Trierer Originals

Der letzte Weg eines Trierer Originals

Nur ein kleiner Teil der Vermisstenfälle endet so tragisch wie jener des 88-jährigen Alois Ludes, dessen Knochen nun bei Salmtal gefunden worden sind. Die meisten Gesuchten tauchen glücklicherweise recht schnell wieder auf. Sorgen bereitet der Polizei, dass immer öfter demente Senioren weglaufen.

Trier. Er war ein Marx-Fan durch und durch. Wenn der ehemalige Trierer Bischof Reinhard Marx predigte, saß Alois Ludes, der für viele einfach "dän Alwis" war, im Dom und lauschte. Mit seinen wallenden weißen Haaren und seinem üppigen Bart war er den anderen Gläubigen ein vertrauter Anblick. Wohl nicht durch Zufall erinnerte die Haarpracht des stadtbekannten Trierers an Karl Marx, dessen glühender Fan Alois Ludes war. 2007 flimmerte er nach der Wiedereröffnung des Karl-Marx-Hauses gar als Double des Philosophen über die Fernsehbildschirme der Republik.
Geboren wurde der Mann, der am 24. Juli 2014 spurlos verschwand, in Dörbach, das später Teil der Gemeinde Salmtal (Wittlicher Land) wurde. Und dort ist er auch gestorben. Eine Frau hat Anfang Oktober beim Pilzesammeln unweit von Dörbach menschliche Knochen und einen Herrenstiefel gefunden. Die DNA-Analyse zeigt nun, dass es sich um die Überreste des 88-Jährigen handelt.
Es gibt laut Polizei keinen Hinweis auf ein Fremdverschulden am Tod des Mannes. Das Fehlen weiterer Leichenteile und Reste der Kleidung erklären sich die Ermittler mit Wildtierfraß und Verschleppen durch Tiere.
Nur wenige Fälle haben ein solch trauriges Ende wie das von Alois Ludes. "Es gibt tragische Geschichten, aber die meisten Vermisstenfälle werden in wenigen Tagen gelöst, ohne dass jemand zu Schaden gekommen ist", sagt Eckhard Otto, der in der Kriminalinspektion Trier die Abteilung K1 leitet, die für Todesermittlungen, Brand- oder Waffendelikte und auch für Vermisstenfälle zuständig ist. Die Hälfte der 11 500 Suchen, die deutschlandweit aktuell laufen, lässt sich laut Bundeskriminalamt innerhalb einer Woche aufklären. Binnen Monatsfrist können 80 Prozent der Fälle zu den Akten gelegt werden. Nur etwa drei Prozent der Gesuchten bleiben mehr als ein Jahr verschollen. Täglich werden jeweils an die 250 bis 300 Fahndungen neu erfasst und auch gelöscht.
In der Region gab es 2014 genau 1524 Vermisstenfälle. Bei etwa der Hälfte aller Gesuchten handelt es sich um Kinder und Jugendliche. "Die meisten tauchen glücklicherweise schnell wieder auf", sagt Otto. Die Jugendlichen büxen aus, weil es in der Schule schlechte Noten oder Streit mit den Eltern gab, weil sie unter Liebeskummer leiden oder einfach abenteuerlustig sind. Ein Teil von ihnen verschwindet aus Jugendhilfeeinrichtungen der Region. Ein anderer Teil aus dem Elternhaus. Entführungen oder Tötungsdelikte - wie im Fall des kleinen Mohamed (siehe Bericht unten) oder der 16-jährigen Triererin Laura-Marie, die im Frühjahr von einem Nachbarn brutal getötet wurde, seien die absolute Ausnahme, sagt Otto. Häufiger kommt es leider vor, dass junge Menschen sich das Leben nehmen.
Statistiken darüber gibt es nicht, doch schätzt der Polizist, dass unter zehn Prozent der Vermissten Suizid begehen. Was dem Polizisten Sorge bereitet, ist, dass viele Erwachsene dem steigenden Zeit- und Leistungsdruck psychisch nicht standhalten. "Die Leute werden krank oder sie wollen flüchten", sagt Otto, der weiß, dass sich das ganz unterschiedlich auswirken kann. Der eine steigt ins Dienstauto ein und fährt ganz weit weg. Andere springen von der Brücke. Ebenfalls mit Sorge beobachtet Otto einen weiteren Trend, der direkt mit dem demografischen Wandel zu tun hat - und mit der angespannten Personalsituation in Seniorenheimen. Immer öfter komme es vor, dass verwirrte Senioren weglaufen und orientierungslos umherirren. Bei Dunkelheit oder winterlicher Kälte kann dies schnell lebensgefährlich werden. Oft vergehen laut Otto Stunden, bevor die Polizei überhaupt alarmiert wird. So traurig der Ausgang des Vermisstenfalls Alois Ludes ist. Für Otto, der den Vermissten wegen seiner eigenen, unbeugsamen Art schätzte - Ludes hatte sich selbst als "freien, mündigen und unabhängigen Menschen" beschrieben - , hat dieses Ende doch etwas Tröstliches. Vielleicht weil der Mann, der trotz seines hohen Alters nicht ins Heim wollte, in völliger Freiheit dort starb, wo er seine Wurzeln hatte.