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Der Marathon zurück ins Leben

Der Marathon zurück ins Leben

Wenn an Ostermontag in Boston der Marathonlauf gestartet wird, schwingt die Erinnerung an die Terroranschläge von vor einem Jahr mit. Zwei Opfer, die seitdem beinamputiert sind, haben ein Buch geschrieben.

Boston. Wie so oft im Leben waren es die kleinen Dinge, an denen sich Paul Norden aufrichten konnte. Zum Beispiel, als er unter der Dusche stand, sich aus eigener Kraft halten konnte auf seiner Prothese, zum ersten Mal, seit ihm der Sprengsatz das linke Bein abgerissen hatte. "Um ehrlich zu sein, ich habe vor Freude geweint, es war ein kleiner, aber wichtiger Sieg."
Zusammen mit Joseph Paul, seinem älteren Bruder, den alle nur J.P. nennen, hat Paul Norden ein Buch geschrieben über die kleinen Siege auf dem Weg zurück in ein halbwegs normales Leben. Die Geschichte beginnt mit dem 15. April 2013, Patriots‘ Day in Boston, Feiertag, Marathon-Tag. An der Boylston Street, vorm Restaurant Forum, warten die Brüder, 33 und 31, mit Jacqui, Pauls Freundin, auf Mike. Mike Jefferson, der alte Kumpel aus Stoneham, einem Kleine-Leute-Vorort nördlich von Boston, wo sie zu Hause sind, läuft zum ersten Mal nach langer Pause einen Marathon. Da möchten sie in der Nähe der Ziellinie stehen, um ihm zuzujubeln.
Als der erste Sprengsatz explodiert, knapp zweihundert Meter entfernt, wollen sie weg, über das Absperrgitter am Bürgersteig in die Mitte der breiten Straße, weg von den Zuschauermassen. Paul und J.P. hieven Jacqui über das Gitter, doch bevor sie selber über die Barriere springen können, geht die zweite Bombe hoch. Zwölf Sekunden nach der ersten, genau vorm Forum. Die Druckwelle wirft sie zu Boden. Nach ein paar Sekunden begreift Paul, dass sein rechtes Bein, von seinem Körper abgetrennt, auf dem Pflaster liegt.
Angst vor Leben im Rollstuhl


Irgendwer eilt herbei, beruhigt ihn, andere verbinden ihm provisorisch die blutende Wunde. J.P. liegt ganz in der Nähe, das Haar aschgrau, die Kleidung versengt. Er kann fast nichts mehr hören, denn die Explosion hat seine Trommelfelle beschädigt.
Pauls rechtes Bein wird anfangs unterm Knie amputiert, aber das Knie ist so kaputt, dass die Chirurgen raten, es durch ein künstliches zu ersetzen. J.P. schwebt für ein paar Tage in Lebensgefahr, er hat Verbrennungen dritten Grades erlitten, auf der Intensivstation bekommt er so hohes Fieber, dass die Ärzte nicht wissen, ob er überlebt. Pauls größte Sorge war, dass Jacqui ihn verlassen könnte, ihn, den Invaliden. Er werde wohl ein Leben im Rollstuhl führen, er sei ein Wrack, sie müsse nicht bei ihm bleiben, sagte er. Ach was, sie verlasse ihn nicht, ob er nun im Rollstuhl sitze oder nicht, erwiderte sie. Vor dem Marathon, so Paul, habe er sich ums Leben kaum Gedanken gemacht, sich keine Ziele gesetzt, sich treiben lassen. Nach dem Marathon messe er das Leben in Meilensteinen. Jede kleine Verbesserung sei ein Anlass, den nächsten anzupeilen.
Der Tag, an dem er laufen konnte, ohne sich auf Krücken zu stützen, bekam ein rotes Kreuz im Kalender. Ebenso wie der Tag, an dem er seine Hunde Bella und Baxtor wieder allein ausführen konnte, auch wenn er für den üblichen Weg viermal länger brauchte als vor den Anschlägen. J.P., früher das lebenslustige, extrovertierte Pendant zu seinem schüchternen Bruder, schien durch reine Willenskraft überwinden zu wollen, was ihm die Behinderung an Hürden in den Weg stellte. Treppensteigen? Kein Problem, glaubte er. Die Reha-Übungen schienen zu wirken, er konnte sein linkes, äußerlich intaktes Bein allmählich leichter beugen als am Anfang. Also versuchte er, im Mietshaus seiner Freundin Kelly aus eigener Kraft zu ihrem Appartement im dritten Stock zu laufen. Auf dem ersten Treppenabsatz, notiert J.P., sei er vor Erschöpfung zusammengebrochen. Eines, bekennt der scheue Hüne Paul, habe ihm sehr zu schaffen gemacht. "Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass die Leute mich nur deshalb anschauten, weil ich in den Nachrichten war." Einmal im Rampenlicht zu stehen, damit hätte er früher nie gerechnet.