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Der Millionär mit dem Super-Steuersatz

Der Millionär mit dem Super-Steuersatz

Auswirkungen der Schlammschlacht im Vorwahlkampf der US-Republikaner: Die beiden führenden Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur zwingen sich gegenseitig zur Offenlegung finanzieller Verhältnisse.

Washington. 21,6 Millionen Dollar Einkommen im Jahr 2010 - mit dieser Summe liegt der republikanische Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney deutlich über dem durchschnittlichen Jahresverdienst der US-Bürger. Und auch von einer Steuerrate von nur 13,9 Prozent (2011 waren es dann 15,4 Prozent) können die meisten Amerikaner nur träumen: Der Spitzensteuersatz beträgt sonst 35 Prozent. Seit der erfolgreiche Geschäftsmann Romney gestern - auf Druck der Mitbewerber und Medien - seine Steuerakten zumindest für die vergangenen zwei Jahre offenlegte, rückt eine Kernfrage in den Vordergrund: Wird ihm dieser Reichtum - sein Privatvermögen wird auf bis zu 250 Millionen Dollar geschätzt - bei seinen politischen Ambitionen schaden?
Die plötzliche, aber nicht ganz freiwillige Entdeckung der Transparenz bringt für Romney nach seiner überraschend deutlichen Niederlage in South Carolina für die anstehenden wichtigen Vorwahlen in Florida Zündstoff: Dort sind die Grundstückswerte so tief wie in kaum einem anderen Bundesstaat in den Keller gefallen. 40 Prozent aller Hausbesitzer zahlen heute Hypotheken ab, obwohl ihr Eigenheim längst viel weniger wert ist, als der Bank noch geschuldet wird. "Under water" - unter Wasser zu sein, lautet dafür der Begriff in den USA. Und Mitt Romney will gerade jenen Menschen vermitteln: Ich bin auch der Vertreter und Fürsprecher der unter der Rezession und Immobilienkrise leidenden Mittelschicht.
Die Steuererklärungen für 2010 und 2011 liefern auch den politischen Gegnern jede Menge Munition. Bestätigen diese Zahlen doch das Vorurteil, Romney sei ein Großkapitalist, der alle Schlupflöcher des Systems - inklusive Steuerparadies Cayman Islands - kenne und heute von den steuerlich besonders begünstigten Kapitalerträgen jener Spekulationen lebe, die früher den Aufkauf und die teilweise radikale Sanierung von Unternehmen beinhaltet hatten.
Romney kontra Gingrich


Romneys ärgster Widersacher Newt Gingrich, seit dem Sieg in South Carolina im Aufwind, war ihm bei der Publizierung der persönlichen Finanzen zuvorgekommen. Gingrichs Steuersatz liegt für ein Einkommen von 3,1 Millionen Dollar bei 31 Prozent, was den früheren Sprecher des Repräsentantenhauses wesentlich näher ans Volk rückt.
Doch auch Newt Gingrich muss sich auf weitere bohrende Fragen einstellen, seit er am Montagabend, kurz vor einer weiteren Livedebatte im Fernsehen, einen früheren Beratervertrag mit dem Konzern Freddie Mac veröffentlichte. Diesem halbstaatlichen Hypothekenfinanzierer wird eine Mitschuld am Zusammenbruch des amerikanischen Immobilienmarktes gegeben, was wiederum die Finanzkrise an der Wall Street auslöste.
Der Vertrag brachte Gingrich insgesamt 1,6 Millionen Dollar ein. Ungeklärt ist noch die Frage: War der Republikaner tatsächlich nur als beratender "Historiker" tätig, wie er behauptet, oder als aktiver Lobbyist für politische Interessen?Meinung

Transparenz-Probleme
Amerikas konservative Politiker blicken gerne nach Europa - vor allem, wenn sie schlechte Beispiele suchen. Beliebt ist bei den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern derzeit, vor einem "sozialistischen Wohlfahrtsstaat" zu warnen, wie er angeblich jenseits des Atlantik gang und gäbe sei. Doch irgendwie scheinen die Herren der "Grand Old Party" die Vorgänge in Europa nicht so genau verfolgt zu haben. Denn ansonsten hätten sie wohl rechtzeitig die Lehren aus der würdelosen Selbstdemontage von Bundespräsident Christian Wulff und aus dem daraus resultierenden Vertrauensdesaster gezogen. Wie der Aussitzer Wulff zur halbherzigen Transparenz getragen werden musste, ist schließlich ein Lehrstück in Sachen schlechten politischen Krisenmanagements. Doch sowohl der Superreiche Mitt Romney als auch sein Gegenspieler Newt Gingrich haben hier ihre Hausaufgaben nicht gemacht - und wohl etwas zu verbergen. Das verspricht, wenn es gegen Obama um die Wurst geht, einen spannenden Sommer - mit Negativschlagzeilen zum Ethik-Verständnis der politischen Führung, wie sie Deutschland in den vergangenen Monaten im Überfluss hatte. nachrichten.red@volksfreund.de