Der Nachdenker

BERLIN. Den Doktorhut hat Joschka Fischer schon mal prophylaktisch aufgehabt. Vor vier Jahren wurde dem damaligen Bundesaußenminister die Ehrendoktorwürde der israelischen Universität Haifa zuteil. Nun gedenkt der prominente Grüne im politischen Ruhestand offenbar, ganz professionell in den internationalen Bildungsbetrieb einzusteigen.

Presseberichten zufolge plant Fischer einen Umzug in die USA, wo dem 57-Jährigen die Gastprofessur an einer Elite-Uni winkt. Die "Bild"-Zeitung wollte sogar erfahren haben, dass ein Vertrag mit der Harvard-Universität bei Boston bereits perfekt ist. Doch Fischer widersprach gestern heftig und drohte sogar rechtliche Schritte gegen das Blatt mit den großen Buchstaben an. Weder gebe es Gespräche mit Harvard, noch die Absicht, Deutschland den Rücken kehren. Offerten namhafter Bildungseinrichtungen

"Was Sie hier lesen, kann ich nicht bestätigen", sagte Fischer im sachsen-anhaltischen Wörlitz, wo sich die grüne Bundestagsfraktion zu ihrer traditionellen Jahresklausur versammelt hat. Zugleich machte er aber auch klar, dass es ein Angebot einer anderen US-Universität gebe, über das er nachdenke. Nach Informationen unserer Zeitung ist Fischer einer zeitweiligen Lehrtätigkeit im Ausland keineswegs abgeneigt. Schon seit Längerem gebe es entsprechende Offerten namhafter Bildungseinrichtungen. Genannt wird in diesem Zusammenhang auch die Universität Princeton bei New York. Fischer selbst, so heißt es, könne sich einen solchen Job jedenfalls gut vorstellen. Und seine Partei ist ja auch ein bisschen stolz auf den so Umworbenen. "Ich halte es für völlig legitim, dass man sich in seinem Alter noch intellektuell betätigen möchte", schmunzelte die Abgeordnete Christine Scheel. Die Parlamentarische Geschäftsführerin, Irmingard Schewe-Gerigk, sprach von einer "Ehre" und davon, dass sich Fischers Vorhaben "deutlich von dem anrüchigen Vertrag des Alt-Bundeskanzlers mit dem russischen Energie-Riesen Gasprom" unterscheide. Tatsächlich könnte Fischer niemand eine Karriere in Talar und Doktorhut verübeln. Pikant daran wäre allenfalls, dass der gelernte Hausbesetzer und Krawallmacher nicht über den Vorzug eines abgeschlossenen Studiums verfügt und gerade einmal den Hauptschulabschluss in der Tasche hat. Von seinem Streben zu neuen Ufern kündete das grüne Urgestein schon unmittelbar nach der verlorenen Bundestagswahl im September: "Mit der Unterschrift unter den hessischen Koalitionsvertrag vor 20 Jahren habe ich Freiheit für Macht eingetauscht. Jetzt will ich meine Freiheit wieder haben". Sein politischer Rückzug stieß zunächst auf ungläubiges Staunen. Doch er zieht die Sache konsequent durch. Fortan wird der Abgeordnete Fischer nur noch auf grünen Hinterbänken gesichtet. Und erst vor wenigen Tagen teilte er der Grünen-Führung seinen Verzicht auf die Mitgliedschaft im Parteirat mit. Ein Spitzenpolitiker, der loslassen kann

An den Sitzungen des Gremiums hatte Fischer seit dem Urnengang vom 18. September sowieso nicht mehr teilgenommen. Dass der Alt-68er im Gegensatz zu vielen anderen Spitzenpolitikern einfach loslassen kann, führen Vertraute nicht zuletzt auf die persönlichen Umstände zurück. Mit seiner fünften Ehefrau, Minu Barati, hat der ergraute Ex-Marathonläufer ein spätes Glück gefunden. Die 27 Jahre jüngere Deutsch-Iranerin fuhr mit ihrer kleinen Tochter so oft wie möglich im Wahlkampfbus mit, als Fischer im letzten Sommer rund 14 000 Kilometer für seine Partei durch die Lande tourte. Der letzte Mosaikstein zu Fischers privatem Rückzug wäre die Aufgabe seines Bundestagsmandats. Doch davon wollte er in Wörlitz nichts wissen. Insider sind sich jedoch einig, dass Joschka Fischer keinesfalls bis zum Ende der Wahlperiode die letzte Bank drücken wird. Zu tun hat er ohnehin genug. Im Augenblick arbeitet der ehemalige Außenminister an einem Buch über seine siebenjährige Amtszeit. Auch das könnte wieder ein schlagzeilenträchtiger Stoff werden.