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Kirche
Der Papst erklärt geduldig, was Ostern bedeutet

Papst Franziskus spendet am Ostersonntag den Segen urbi et orbi (der Stadt und dem Erdkreis).
Papst Franziskus spendet am Ostersonntag den Segen urbi et orbi (der Stadt und dem Erdkreis). FOTO: Uncredited / dpa
Vatikanstadt. Trotz erneut hoher Sicherheitsmaßnahmen kommen zum höchsten Fest der Christen fast ebenso viele Pilger nach Rom wie in den Vorjahren. Sie erleben stimmungsvolle Feiern mit Franziskus, dem Pontifex maximus, der in seinen Ansprachen nicht lockerlässt.

Ostersonntag auf dem Petersplatz: perfekte Kulisse unter strahlend blauem Himmel. Die Stufen vor der größten Kirche der Christenheit haben holländische Blumenexperten in einen blühenden Garten verwandelt. Kardinäle in Rot, Schweizer Gardisten, Diplomaten, Jugendgruppen, Familien, Ordensleute – alle warten auf den Papst. Vergessen die Militärfahrzeuge an den gesperrten Zufahrtsstraßen, die aufwendigen Taschenkontrollen weit vor dem Petersplatz. So soll es sein.

Doch Franziskus will nicht, dass den am Ende 80 000 Pilgern und Touristen vor großartiger Kulisse nur eine Show geboten wird, auf Zehntausenden Smartphones geknipst, gefilmt und in Netzwerken geteilt. Immer wieder will er wissen: „Was machst du aus dem, was wir hier feiern?“ Er stellt die Frage in seiner kurzen Predigt in der Messe. Entwickelt daraus, bevor er den Segen urbi et orbi erteilt, Forderungen an die Verantwortlichen für die Konflikte dieser Welt.

Für die Konfliktgebiete, die er in seiner Osterbotschaft aufzählt – Syrien, Heiliges Land, Jemen, Kongo, Ukraine oder Venezuela – bittet Franziskus seit Jahren um Frieden. Ob eine gewisse Müdigkeit in seiner Stimme daraus resultiert oder aus dem strammen Programm der Karwoche, ist nicht auszumachen. Die Grundlage seiner Forderungen jedenfalls formuliert er deutlich: „Wir Christen glauben und wissen, dass die Auferstehung Christi die wahre Hoffnung der Welt ist.“ Und die Kraft aus dieser Hoffnung erneuere die Welt. Dazu hatte Franziskus am Mittwoch in der Generalaudienz noch einmal geduldig erklärt, was in der Kar- und Osterwoche gefeiert wird.

Schon zu Beginn der Woche, am Palmsonntag, hatte er junge Menschen gemahnt: „An euch liegt es, euch für das ‚Hosanna‘ des Sonntags zu entscheiden, um nicht dem ‚Kreuzige ihn!‘ des Karfreitags zu verfallen. Es liegt an euch, nicht zu schweigen, wenn die Welt schweigt und ihre Freude verliert.“ Im Gottesdienst hatten ihm die 300 Delegierten der einwöchigen Vorsynode – die eigentliche Synode zum Thema Kirche und Jugend folgt im Oktober – ein Dokument überreicht, in dem sie ihre Lebenslagen, Anliegen und Fragen zusammengestellt haben. Dies soll für die Bischofssynode im Herbst als Grundlage dienen.

An die Jugend wandte sich am Karfreitag im Petersdom auch der vatikanische Hausprediger Raniero Cantalamessa. Junge Menschen sollten „gegen den Strom schwimmen“. Indem sie für Arme, Schwache, Verspottete einträten, widersetzten sie sich der Welt des Egoismus, die so von Gott nicht gewollt sei. Viele Jugendliche haben das längst begriffen.

Etwa jene römischen Oberschüler, die für den spätabendlichen Kreuzweg am Kolosseum die Texte zu den 14 Kreuzwegstationen verfasst hatten. Darin beschrieben sie ihre Gefühle und Gedanken angesichts des Leidens Jesu, erinnerten an Gleichgültigkeit angesichts alltäglicher Ungerechtigkeit, an das Leid von Müttern, die um ihre Kinder weinen, aber auch an Spott und Hass in sozialen Netzwerken.

Die Kreuzwegandacht am antiken Amphitheater im Schein Tausender Kerzen und Fackeln war auf ganz andere Art als der Ostersonntag einer der stimmungsvollsten Momente dieser Woche. Trotz kühl-feuchter Witterung und massiver Sicherheitskontrollen kamen dazu 20 000 Teilnehmer. Unter denen, die das Kreuz trugen, befanden sich auch eine Familie aus Syrien sowie irakische Ordensfrauen, die vor dem Krieg fliehen mussten.

Nachdem Franziskus in der Chrisam-Messe am Gründonnerstagmorgen seine Priester zu mehr Volksnähe aufgefordert hatte – „ein guter Priester ist jener, der mit allen redet“ –, begab er sich nachmittags in Roms Stadtgefängnis Regina Coeli. Dort feierte er den Abendmahlsgottesdienst und wusch zwölf Häftlingen die Füße – für die Medien eine Attraktion. Manch traditionell gesinntem Katholiken ist diese Demutsgeste am Tag der Einsetzung der Eucharistie zu aufdringlich. Doch bei den Adressaten kam sie an.

Gänzlich still wurde es in den Zellentrakten, als der Papst sich hinkniete und den Männern die Füße wusch und küsste. Die rund 1000 Häftlinge forderte Franziskus genauso auf, aus der Vergebung, die Gott gewähren wolle, Konsequenzen zu ziehen: „Wer Chef sein will, soll anderen dienen.“ Für die Rangordnung hinter Gittern eine brisante Korrektur.

Hier war sie wieder: Franziskus’ Frage an jene, die an einer Papstfeier teilnehmen können: „Was machst du aus dem, was wir hier feiern?“ Die Botschaft Christi gilt bis heute. Also geh und handele ebenso. Du kannst das.

(kna)