Der Pilot im Operationssaal

Was ein modernes Krankenhaus von der Luftfahrt lernen kann und wie damit Behandlungsfehler vermieden werden sollen, zeigt ein Projekt des Trierer Mutterhauses. Entwickelt wurde es von einem Piloten.

Trier. Bevor im Trierer Mutterhaus der Operateur das Skalpell ansetzt, treten alle am Eingriff Beteiligten vom OP-Tisch weg, ein Pfleger liest festgelegte Fragen zu dem Patienten vor. Ähnlich einer Checkliste, die ein Pilot und sein Copilot vor Start oder Landung eines Flugzeugs lesen, wird in dem Krankenhaus vor Operationsbeginn ein sogenanntes Time-out-Briefing durchgeführt. Dabei geht es vor allem auch darum, ob der richtige Patient auf dem Tisch liegt; daher wird noch einmal der in der Patientenakte vermerkte Name mit den auf dem Patientenarmband vermerkten Daten verglichen. Und bevor der erste Schnitt erfolgt, wird überprüft, welche Seite operiert werden muss. So soll verhindert werden, dass etwa das falsche Bein amputiert wird, sagt Michael Metzdorf, Justiziar der Klinik.
Der Vergleich mit der Luftfahrtbranche ist nicht zufällig. Als vor über drei Jahren dieses Risikomanagement in dem Krankenhaus eingeführt wurde, brachte ein Pilot den Mitarbeitern bei, wie sie Fehler im OP vermeiden können.
Fehler, so die Erkenntnis aus dem Projekt, passieren aufgrund von Verkettungen mehrerer Schwachstellen - und nicht, weil einzelne Personen versagen. Mangelnde Kommunikation, so Metzdorf, sei der häufigste Grund für Behandlungsfehler. Um diese zu vermeiden, wurde zusätzlich ein anonymes Fehlermeldewesen eingeführt. Jeder Mitarbeiter hat die Möglichkeit, per Internet seine Fehler oder Beinahe-Fehler einzugeben.
Genaue Zahlen, wie sich die Behandlungsfehler seit der Einführung des neuen Systems entwickelt haben, hat der Klinikjustiziar nicht. Aber die Beiträge, die das Krankenhaus an die Haftpflichtversicherung zahlt, die in der Regel für die Folgen von Ärztefehlern aufkommt, seien nicht gestiegen. Was darauf hindeute, dass die Zahl der Behandlungsfehler nicht zugenommen habe. Doch ganz ausschließen lassen sich die Fehler nicht: "Wo Menschen arbeiten, passieren eben Fehler", sagt Metzdorf.
Der Vorsitzende der Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärzteschaft, Andreas Crusius, klagt: "Der Patient muss in immer kürzeren Zeiträumen durchgeschleust werden - und da können Fehler passieren."
Zu den häufigsten Beschwerden bei den ärztlichen Schiedsstellen zählen mutmaßlich falsche Behandlungen von Knie- und Hüftarthrose, gefolgt vom fehlerhaften Umgang mit Unterarm- und Sprunggelenkfrakturen (siehe Hintergrund). Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn hier spürt der Patient deutlich, ob es ihm nach der Behandlung besser geht oder nicht. Beschwerden im Zusammenhang mit undefinierbaren Schmerzen sind dagegen sehr selten. Wohl auch deshalb, weil eine ärztliche Schuld hier nur sehr schwer feststellbar ist.
Trotz aller Unzulänglichkeiten - so ist das Haftungsrecht sehr unübersichtlich geregelt - gelten die seit 1975 bei den Ärztekammern eingerichteten Schlichtungsstellen als Erfolgsmodell. Dafür spricht zumindest die Tatsache, dass nur in zehn Prozent der Fälle, die trotz einer Entscheidung strittig blieben, von den Gerichten im Nachhinein anders entschieden wurde. Laut dem Trierer Rechtsanwalt Markus Förster landen jährlich rund 10 000 solcher Fälle vor Gericht. Nur in jedem vierten hätten die Patienten Erfolg mit ihrer Klage. Bei den ärztlichen Beschwerdestellen in Deutschland sind im vergangenen Jahr 7355 Anträge von Patienten wegen Behandlungsfehlern eingegangen. 29,9 Prozent der Beschwerden bewerteten Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen als Ärztefehler (gut 1800 Fälle). Ein gutes Viertel (28 Prozent) der Anträge betrifft niedergelassene Ärzte - die meisten davon Unfallchirurgen und Orthopäden, gefolgt von Hausärzten. Am seltensten richteten sich Einwände gegen Behandlungen bei Hautärzten. Die meisten unzufriedenen Patienten wandten sich nach Behandlungen im Krankenhaus an die Prüfstellen (72 Prozent; auch hier ging es am häufigsten um die Arbeit von Chirurgen und Orthopäden; der geringste Teil der Beschwerden entfiel auf HNO-Ärzte. Häufig beanstandeten die Patienten in Kliniken die Ausführung und Folgen von Operationen und Behandlungen der Hüftgelenke, der Knie und von Brüchen. Niedergelassenen Ärzten werfen die Patienten - und dies laut Bundesärztekammer schon seit Jahren - am häufigsten Fehldiagnosen vor: wenn zum Beispiel Röntgenbilder nicht richtig interpretiert wurden. red