"Der Protest steht erst am Anfang"

"Der Protest steht erst am Anfang"

Die in Deutschland angekommene Protestbewegung gegen die Macht der Banken sei Ausdruck einer Unzufriedenheit der Bürger mit der Politik, sagt der Trierer Wirtschaftssoziologe Oliver Nachtwey. Die Politiker sollten die Bewegung sehr ernst nehmen.

Trier. Es seien nicht nur die "üblichen Verdächtigen", die in der sogenannten Occupy-Bewegung gegen die Macht der Banken protestierten, sagt der Trierer Wirtschaftssoziologe Oliver Nachtwey. Mit ihm sprach TV-Redakteur Bernd Wientjes.
Wie ernst ist die "Occupy"-Bewegung zu nehmen?
Nachtwey: Sehr ernst. Diese Protestbewegung ist erst der Anfang. Sie bedeutet ein demokratisches Aufbegehren. Die Politik sollte die Bewegung sehr, sehr ernst nehmen.
Wogegen begehren die Protestler konkret auf?
Nachtwey: Viele Leute auf der ganzen Welt sind unzufrieden mit der Ökonomie und der Demokratie und damit, dass man als Bürger keinen Einfluss mehr hat auf die politischen Entscheidungen. Die Banken werden gerettet, aber im Sozialbereich wird gekürzt. Daher ist die Bewegung ein sehr ernster Ausdruck der Probleme der Demokratie.
Was sind das für Probleme?
Nachtwey: Sozialwissenschaftler nennen das Postdemokratie. Das heißt: Wahlen funktionieren noch, und wir haben noch eine legitimierte Regierung. Gleichzeitig wird die Politik von Lobbyisten aus der Wirtschaft bestimmt, und die Regierung findet immer weniger Zustimmung in der Bevölkerung. Die Protestler kritisieren, dass die Bürger in der Politik nicht mehr gehört werden.
Das heißt, die Bewegung richtet sich nicht nur gegen die Banken und die Finanzpolitik?
Nachtwey: Es ist auch eine Bewegung gegen die Macht der Banken, aber es ist in erster Linie eine Demokratiebewegung. Daher gehört sie in den Kontext der Demonstrationen gegen die soziale Perspektivlosigkeit der Jugendlichen in Spanien und der Proteste gegen die Bildungskürzungen in Großbritannien. Wir stehen am Anfang einer größeren europaweiten Protestbewegung.
Was sind das für Leute, die etwa in Frankfurt auf die Straße gehen?
Nachtwey: Viele gehen zum ersten Mal zu einer Demonstration. Das hat man am Samstag gesehen. Da waren natürlich ein paar der üblichen linken Verdächtigen dabei, aber auch jede Menge ganz normale Bürger, auch Schlipsträger und Leute, die man ansonsten eher in Frankfurter Edelboutiquen vermuten würde.
Warum kommt es ausgerechnet jetzt, drei Jahre nach der eigentlichen Bankenkrise, zu dieser Bewegung?
Nachtwey: Es braucht konkrete Erfahrungen im Umfeld der Leute, damit sie aktiv werden. Sie müssen noch nicht einmal persönlich betroffen sein. Immer mehr Menschen begreifen, dass ihre Kinder irgendwann nur noch befristete Jobs bekommen oder als Leiharbeiter beschäftigt werden. Auch in der Mittelschicht verlieren immer mehr Bürger ihre Arbeit.
Damit ist für viele Menschen erstmals die Bankenkrise nicht mehr nur abstrakt. wie
Extra

Oliver Nachtwey (Foto: privat) , geboren am 8. September 1975 in Unna, ist Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe. Seit April 2010 ist er Mitarbeiter im Fachbereich Wirtschaftssoziologie an der Universität Trier. wie