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"Der Rückhalt für den Euro wächst"

"Der Rückhalt für den Euro wächst"

Die Deutschen sind mit ihrer wirtschaftlichen Lage höchst zufrieden, sie schätzen die pragmatisch ruhige Art ihrer Bundeskanzlerin, sie stehen hinter Europa, und sie sind solidarisch, sagt der Chef des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap im Interview.

Berlin. Das (Wahl)-Jahr ist praktisch vorbei und die große Koalition nach langen Geburtswehen im Amt. Ende gut, alles gut? Darüber sprach unser Berliner Korrespondent Stefan Vetter mit dem Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap, Richard Hilmer:

Herr Hilmer, wie steht es aktuell um die Stimmung im Land?
Richard Hilmer: In ökonomischer Hinsicht könnte die Stimmung in Deutschland kaum besser sein: Drei von vier Deutschen schätzen die allgemeine wirtschaftliche Situation und ihre eigene als sehr gut bis gut ein. Und politisch haben die Bürger nun bekommen, was sie sich mehrheitlich wünschten: die große Koalition.

Also alles eitel Sonnenschein?
Hilmer: Nicht ganz. Sorgen machen die Preisentwicklung vor allem beim Strom, die nach wie vor schwierige Lage in einigen Eurostaaten und daraus resultierende mögliche Belastungen.

Angela Merkel geht jetzt schon in die dritte Amtszeit ihrer Kanzlerschaft. Was macht sie so populär?
Hilmer: Die Bürger schätzen zum einen ihre pragmatische ruhige Art, Politik zu betreiben. Dies schafft Vertrauen, zumal, wenn sich ihre Bemühungen wie bei der Eindämmung der Euro-Krise als erfolgreich erweisen. Geschätzt wird auch ihr hohes Ansehen im Ausland. Und für viele Frauen und für viele Ostdeutsche ist sie Beleg dafür, dass man in Deutschland als Frau und Ostdeutsche bis in höchste Staatsämter gelangen kann.

Gab es bei Merkel auch schon mal größere Schwankungen auf der Sympathieskala?
Hilmer: Ja, im Herbst 2010, als die schwarz-gelbe Regierung mehr durch interne Querelen als durch konstruktive Politik auf sich aufmerksam machte, erlebte auch die Kanzlerin einen regelrechten Einbruch ihrer Sympathiewerte. Das änderte sich erst im Laufe der Eurokrise, als sie verlorenes Vertrauen wieder gewann.

Ende 2012 wurde noch über eine Zuspitzung der Eurokrise spekuliert. Welche Rolle spielt die Angst ums Geld heute?
Hilmer: Die Angst vor den Auswirkungen einer neuerlichen Zuspitzung ist deutlich geringer geworden, verschwunden ist sie allerdings noch nicht. Spürbar sind vor allem Ängste, die eigene Altersversorgung könnte Schaden nehmen.

Beobachten Sie eine europaskeptische Stimmung in Deutschland?
Hilmer: Nein, eine ausgeprägt antieuropäische Stimmung gibt es in Deutschland nicht. Der Rückhalt für den Euro ist zuletzt sogar etwas stärker geworden.

Demnach hätte die eurokritische AfD wenig Chancen, bei der Europa-Wahl im Mai 2014 zu punkten?
Hilmer: Als "Ein-Themen-Partei" lebt die AfD wesentlich von der Entwicklung der Eurokrise. Derzeit stehen dort die Zeichen eher auf Konsolidierung, was für die Chancen der AfD eher nachteilig ist. Da aber bei der Europawahl schon ein Stimmenanteil von drei Prozent für den Einzug nach Straßburg reicht, stehen die Chancen für die AfD trotzdem nicht allzu schlecht.

2013 war die soziale Gerechtigkeit ein beherrschendes Thema in Politik und Medien. Traf das den Nerv der Bevölkerung?
Hilmer: Seit der Wiedervereinigung war eine klare Mehrheit der Bürger der Ansicht, in Deutschland gebe es zu viel Ungerechtigkeit. Und die Bürger nannten in der Tat vorwiegend soziale Themen wie Mindestlohn oder die Sorge um die Altersversorgung, wenn sie nach Motiven für ihre Wahlentscheidung gefragt wurden. Kurz vor der Wahl gelangten die Bürger aber mehrheitlich zu dem Eindruck, in Deutschland ginge es insgesamt doch gerecht zu.

Dann hat die SPD schlicht das falsche Wahlkampfthema gehabt?
Hilmer: Das Thema war im Prinzip schon richtig gewählt, aber die SPD und ihr Kandidat konnten hier zum einen nicht wie gewünscht überzeugen. In ihrem Kernkompetenzbereich "soziale Gerechtigkeit" fielen sie sogar hinter die Werte von 2012 zurück. Zum anderen agierte die Regierung auch hier äußerst geschickt: Sie setzte kurz vor der Wahl noch Themen wie die "Mütterrente" und die "Ausländer-Maut", und als sie zwei Wochen vor der Wahl noch zwei Mindestlöhne verabschiedete, gewannen die Bürger offenbar den Eindruck, auch soziale Belange würden von der Union berücksichtigt.

Warum hält die jüngere Generation eigentlich nicht bei den schwarz-roten Rentenplänen stärker dagegen? Sie muss sie schließlich bezahlen.
Hilmer: Eine breite Solidarität mit den Mitmenschen gehört zu den bemerkenswerten Eigenschaften der Deutschen. Das schließt auch und vor allem die Solidarität der Jüngeren mit älteren Menschen ein. Allerdings wächst die Sorge, dass man später die Lasten nicht mehr schultern könnte.

Ist die große Koalition in den Augen der Bürger ein Garant dafür, dass sich die optimistische Stimmung auch 2014 fortsetzt?
Hilmer: Die Bürger sind sich der Unwägbarkeiten einer globalisierten Wirtschaft bewusst, und sie sind sich schon im Klaren darüber, dass die wirtschaftliche Entwicklung sich auch verschlechtern kann. Allerdings trauen sie der großen Koalition eher als anderen zu, die Energiewende zu meistern und zur Konsolidierung des Euroraumes beizutragen.
Extra

Richard Hilmer, 1952 in München geboren, ist Geschäftsführer des auf Politik- und Wahlforschung spezialisierten Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap.