Der Schilderwald wächst ins Uferlose

Der Schilderwald wächst ins Uferlose

Ein geordneter Kahlschlag ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Der Schilderwald wächst weiter. Obwohl Politiker seit Jahren fordern, das Dickicht der Verkehrszeichen an deutschen Straßen endlich zu durchforsten.

Berlin. Das Bundesverkehrsministerium appelliert erneut an die Kommunen und Gemeinden, beim Abbau von überflüssigen Schildern mehr zu tun und "ein waches Auge darauf zu haben, was an Verkehrszeichen wirklich notwendig ist".628 Schilder finden sich in der Straßenverkehrsordnung (STVO), allein von der blauen Tafel mit dem "P" für Parken gibt es 32 Varianten. Der ADAC hat nachgerechnet: Alle Zeichen lassen sich zu 1800 Kombinationen zusammenfügen, "Deutschland ist das Land, das die meisten Verkehrszeichen katalogisiert hat", weiß ADAC-Experte Thomas Hessling. 20 Millionen Schilder stehen nach Schätzungen des Automobilclubs an den Straßen, jedes dritte ist demnach innerhalb geschlossener Ortschaften unnütz oder unverständlich. "Viele Schilder tragen eher zur Verwirrung bei als zur Klärung der Situation", hat der ADAC festgestellt. Trotz aller Appelle und Modellversuche habe sich die Gesamtzahl der Zeichen in den vergangenen Jahren nicht verringert, "sondern der Schilderwald wächst weiter", so Hessling. An einem Sonntag alle Schilder verhüllt

Während einige Kommunen zwar abbauen, forsten viele andere weiter fleißig auf: Besonders in Neubau- oder Gewerbegebieten haben Schilderwälder Hochkonjunktur. Der Paragraf 39 der STVO macht es möglich. Danach darf ein Schild zwar nur aufgestellt werden, wenn es "zwingend geboten" ist. Doch das ist vor allem Ermessenssache. Laut ADAC trauen sich zudem die Verantwortlichen in den Kommunen oft nicht, Bürgern Schilder zu verweigern, wenn diese etwa unbedingt ein Parkverbot vor dem eigenen Haus haben wollen. Es geht aber auch anders: Die Stadt Selm bei Dortmund hat Vorbildcharakter. Vor sechs Jahren wurden dort an einem Sonntag alle Verkehrszeichen verhüllt, die nicht der absoluten Verkehrssicherheit dienten. Nach einer Woche überprüfte eine ortsunkundige Kommission noch einmal jedes Schild auf Sinn und Unsinn - seitdem hängt in Selm nur noch das, was unbedingt notwendig ist.Viele Gemeinden folgen dem Beispiel

150 Städte und Gemeinden bundesweit sind dem Beispiel inzwischen gefolgt, sie haben ordentlich abgebaut und verweisen meist auf positive Erfahrungen. Der ADAC hofft auf weitere Nachahmer. Die niedersächsische Gemeinde Bohmte geht indes einen anderen Weg: Sie beteiligt sich derzeit an einem europäischen Projekt, bei dem Schilder drastisch reduziert werden und zugleich der Verkehrsraum umgebaut wird. Verkehrsteilnehmer müssen sich in Bohmte nun verständigen, statt sich auf ihr Recht zu verlassen. Ende Mai werden die Ergebnisse präsentiert. Auch aus Sicht des Städte- und Gemeindebundes sorgt die Vielzahl der Schilder manchmal eher für Verwirrung als für Orientierung. "Wo der Sinn entfallen ist, oder wo sich Kuriositäten eingeschlichen haben" seien die örtlichen Straßenverkehrsbehörden aufgefordert, Schilder abzubauen, fordert das Bundesverkehrsministerium. "Zweideutigkeiten sind immer schlecht", betont ein Sprecher. Zumal die Kommunen Geld sparen können: 350 Euro kostet durchschnittlich ein Schild - inklusive Pfahl und "Einpflanzung".

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