Der Steher steht

FDP-Konvent in Jubelstimmung: Die Liberalen haben ihren Vorsitzenden Guido Westerwelle nach seiner Rede auf dem Stuttgarter Dreikönigstreffen gefeiert. Über die eigene Zukunft verliert Westerwelle kein einziges Wort.

Stuttgart. Am Roten Meer hat Guido Westerwelle sich entschlossen. Täglich hat er da in den vergangenen zwei Wochen lesen müssen, wie die Front gegen ihn wächst. Aber auch, dass die Gegner keine Alternative zu ihm haben. Am Sonntag ist der FDP-Vorsitzende und Außenminister nach Berlin zurückgekehrt, ein fertiges Konzept für seine Dreikönigsrede in der Tasche. Deren Hauptbotschaft: Wir, die Liberalen müssen kämpfen. Die Linken schmieden an fiesen Koalitionen, um die bürgerliche Mehrheit abzulösen. Überall, aber zuerst in Baden-Württemberg. Westerwelle hat für seine Rede die alte Wahlkampfmontur angezogen. Und es funktioniert.

Schon am Vorabend des traditionellen Dreikönigs-Auftritts wirkt der FDP-Chef wie aufgekratzt. Wild entschlossen, locker zu sein, tourt er zusammen mit der attraktiven Hamburger FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding über den Ball der Baden-Württemberger Liberalen in der Stuttgarter Reithalle. Eine Inszenierung der Souveränität. Wo sie fehlt, hilft die Regie behutsam nach. Als er einmal allein am Tisch ist, setzt sich schnell eine Mitarbeiterin der FDP-Zentrale neben ihn. Bloß keine Symbolbilder von einem vereinsamten Chef. Und bei der Kundgebung in der Oper sorgt die Regie dafür, dass der rhetorisch begabtere Generalsekretär Christian Lindner nicht direkt vor Westerwelle spricht, zumal er als potentieller Nachfolger gilt.

Andererseits ist bereits vorher klar, dass die Stuttgarter Oper ganz sicher nicht der Ort eines liberalen Putsches werden wird. Und: Westerwelle ist ein Steher. All die internen Angriffe auf ihn interpretiert er eher als Ausdruck von Unsicherheit vor schwierigen Wahlkämpfen. Und, sofern sie von außen kommen, als Attacken auf eine erfolgreiche Politik, die besser verkauft werden muss. Westerwelle hat im Urlaub beschlossen, dass er noch mehr Führung zeigen muss. Zwar räumt er in seiner Rede ein, dass die FDP im ersten Regierungsjahr nicht alle Erwartungen hat erfüllen können. Das bleibt der einzige selbstkritische Satz. "Aber die Richtung stimmt, der Anfang ist gemacht", schließt er.

Hauptgegner der Liberalen sind die Grünen, vor allem in Baden-Württemberg. Dankbar nimmt der FDP-Chef es auf, als sich ein paar Stuttgart-21-Demonstranten von der Empore melden. Sie stünden für eine der drei großen Gefahren, vor denen er das Land sehe, sagt Westerwelle: "Die Verweigerung der Zukunft". Die FDP müsse den Kampf um die "mentale Standortfähigkeit" des Landes aufnehmen. Aber auch den gegen die Rückkehr des bevormundenden Staates. Alles freilich kumuliert bei Westerwelle in der größten Bedrohung: Linksbündnisse in Ländern und Bund. Dass die Linken-Chefin Gesine Lötzsch gerade den Kommunismus als Fernziel markiert hat, ist dem FDP-Mann auch nicht verborgen geblieben.

Solche Attacken wollen die 1400 Liberalen hören. Jubelnd stehen sie auf, als die Ansprache nach mehr als einer Stunde beendet ist. Westerwelle hat die Personaldebatte einfach weggeredet. Kein Wort haben sie von ihrem Vorsitzenden über seine ganz persönliche Krise gehört, keinen Satz darüber, ob er wieder im Mai antreten will, um die Partei nach zehn Jahren noch zwei weitere Jahre zu führen. In seinem Team ist lange darüber nachgedacht worden, ob der Chef das erklären sollte. Sie haben schließlich entschieden, dass die Dreikönigsrede ein solches Bekenntnis gar nicht braucht, um Westerwelle zu stabilisieren. Denn die Zuhörer würden bei einem kämpferischen Auftritt ohnehin klatschen, und dieser Beifall würde von den zahlreich erschienenen Medien nicht ignoriert werden können. Und so kommt es. Auf dem Podium sitzt wenige Meter entfernt von Westerwelle einer, der den Vorsitzenden vor kurzem noch als "Klotz am Beim" bezeichnet hat. Der rheinland-pfälzische FDP-Spitzenkandidat Herbert Mertin. Jetzt zollt auch er seinen Beifall.

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