Der sture Opa ist passé

TRIER. Wenn es um Zukunfts-Märkte und gesellschaftliche Akzentverschiebungen geht, ist derzeit überall von der "älteren Generation" die Rede. Bei der praktischen Umsetzung der Neu-Orientierung klaffen allerdings erhebliche Lücken. Innovative Beispiele aus der Region zeigen, wie man die Nase vorn hat.

Wenn Michael Schneider vom Trierer Fitness-Center "Outfit" an einem normalen Dienstagvormittag die Augen durch seine Halle schweifen lässt, trifft der Blick keineswegs nur auf jugendlich-gestählte Körper. Der Altersdurchschnitt liegt an diesem Morgen bei 59 - früher undenkbar. "Das ist der Trend", sagt Schneider. Sein Studio hat sich längst darauf eingestellt, bietet computergesteuertes "lernfähiges Gerät" und medizinische Betreuung. Bei den Kollegen von "Kieser Training" die gleiche Tendenz. Dort hat man sich sogar auf älteres Publikum spezialisiert.Neue Produkte drängen auf den Markt

Längst nicht überall herrscht solche Flexibilität. Die Orientierung auf eine Zielgruppe 50plus sei "in den Köpfen oft weiter als in der Praxis", sagt der Trierer Soziologe Michael Jäckel. Trotzdem drängen nach seiner Beobachtung mit Macht "neue, für alle Altersgruppen geeignete Produkte" auf den Markt, die auf die Bedürfnisse Älterer verstärkt Rücksicht nehmen. Und man traue sich auch, dafür Werbung zu machen, kämen doch jetzt die "Ex-Babyboomer" in die Jahre, die von Kind an mit Reklame aufgewachsen seien. Die große Trendwende zum Senioren-Marketing kann ein Werbeprofi wie Bernd Neisen von der Trierer Agentur "Dietz&Partner" freilich noch nicht erkennen. Im Werbe-Alltag gehe es eher darum, für bewährte Marken "neues, jüngeres Publikum zu erschließen, ohne das alte zu verlieren". Im kleinen, regionalen Tagesgeschäft ist man da schon weiter. Die Handwerkskammer meldet wachsendes Interesse an ihren Seminaren zum Senioren-Marketing. Da informieren sich auch kleinere Unternehmen wie die Schillinger Bad- und Heizungsfirma Zgrebski, wie man Angebote optimal auf ein älteres Publikum zuschneidet. Zum Beispiel mit der barrierefreien Umgestaltung von Bädern. "Da hat man früher gar nicht dran gedacht", sagt Inhaber Stefan Zgrebski. Jetzt gibt es immer öfter Senioren, die sich altersgemäßen Wohnkomfort leisten wollen - und können. Mehr als eine Milliarde Euro in zehn Jahren seien allein in diesem Markt-Segment in der Region Trier zu erlösen, analysiert die Handwerkskammer.Auch die Oma will einen Flachbildschirm

Aber auch in Branchen, die man eher mit jüngerer Kundschaft verbindet, bewegt sich einiges. Zum Beispiel bei Computern und Unterhaltungselektronik. Die Oma, die einen neuen Fernseher will und "zuerst mal fragt, ob der auch einen Flachbildschirm hat", sei längst kein Einzelfall mehr, erzählt Alwin Krewer vom Trierer Elektronik-Fachhändler Blang. Allerdings brauche die Kundschaft "mehr Zeit und praxisorientierte Beratung". Deshalb lässt Blang seine Belegschaft gezielt für den Umgang mit Senior-Kunden schulen. Auch die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz registriert den Klimawechsel. Vor allem im Bereich Gesundheit und Wohlbefinden steigen Angebot und Nachfrage für das reifere Publikum, sagt Verbraucherberaterin Susanne Umbach, "auch wenn die Werbung nur mühsam umschwenkt". Ihr Verband hat in "Senioren-Kongressen" die Interessen der älteren Verbraucher erkundet. Danach stehen gute Beratung, leicht lesbare Produktangaben und übersichtliche Präsentation ganz oben auf der Wunschliste. Daraus ergebe sich Handlungsbedarf für den Handel, sagt IHK-Experte Matthias Schmitt. Von der Beleuchtung über die Preisschilder bis zu Schaufenster-Farben lässt sich vieles auf den bevorzugten Stil der 50plus-Kundschaft anpassen. Allerdings warnt Schmitt vor einem "Senioren-Getto". In die gleiche Kerbe schlägt auch Soziologie-Professor Jäckel. Überlegungen, etwa die ganze Region Trier gezielt mit dem Leitbild "seniorenfreundlich" zu vermarkten, steht er skeptisch gegenüber. Er rechnet damit, dass sich passive Konsumenten mit höherem Alter zu bewussten, gestaltend eingreifenden "Prosumenten" entwickeln, die kein Interesse an der Einordnung in eine feste Schublade haben. Auch Jäckel geht davon aus, dass sich die Schere zwischen wohlhabenden und ärmeren Senioren weiter öffnet. Seine Prognose: Bei hochwertigen Premium-Waren und -Dienstleistungen werde es ebenso Zuwachsraten geben wie im Niedrigpreis-Bereich. Verlierer, so die Überzeugung des Wissenschaftlers, ist das Mittelpreissegment.