Der tiefe Fall des Christoph Böhr

Der tiefe Fall des Christoph Böhr

Rückkehr ins Rampenlicht: Ex-CDU-Chef Christoph Böhr steht ab heute in Mainz vor Gericht. Es ist der letzte Akt in einem langen Drama des Trierer Politikers, der zwei Landtagswahlen gegen die SPD und Kurt Beck verlor.

Trier/Mainz. Wahrscheinlich hat sich Christoph Böhr schon oft gefragt, warum er keinen anderen Beruf ergriffen hat. Als Doktor der Philosophie hätte er gut eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen können. Seit vier Jahren hält er an Universitäten Vorlesungen und schreibt Bücher. Das macht ihm Spaß. Aber Böhr entschied sich einst, Politik zu machen. Er kletterte die Karriereleiter immer höher - und hockt jetzt am Boden, inmitten der Scherben seines langjährigen Wirkens. Gefallen. Gedemütigt. Gescheitert.
Mit 16 Jahren tritt Christoph Böhr in die Junge Union ein. Mit 25 wird er im Bundesvorstand aktiv. Mit 29 wird er JU-Bundesvorsitzender. Der Trierer gilt als kluger Kopf, der politische Vorgänge messerscharf analysieren kann.
Als er 1987 mit 33 Jahren erstmals Abgeordneter des Landtags wird, widmet er sich der Haushalts- und Finanzpolitik. Sechs Jahre später wählt ihn die Landtagsfraktion zum Vorsitzenden.
Der gebürtige Mayener gibt dieses Amt an Johannes Gerster ab, weil der Parteichef 1996 als Spitzenkandidat der Union gegen SPD-Ministerpräsident Kurt Beck antritt. Nach Gersters Niederlage und Rückzug übernimmt Böhr wieder das Zepter, wird Fraktions- und Parteichef.
Mehr Glück als Gerster hat aber auch Christoph Böhr nicht. Ausgerechnet der langjährige Bundeskanzler Helmut Kohl verpasst ihm einen Stempel, den er nie wieder los wird: "Der kann net mit de Leut." Bei der Landtagswahl 2001 ziehen Böhr und die CDU gegen Kurt Beck und die SPD den Kürzeren. Böhr wird als Kopfmensch tituliert, während Beck sein Image pflegt, nah bei den Menschen zu sein.
Anders als Gerster bleibt Böhr in seinen Ämtern. Er will es noch einmal gegen Kurt Beck versuchen. Er ist beseelt von dem Gedanken, den Sozialdemokraten zu besiegen. Doch in seiner eigenen Partei formiert sich Widerstand. Angeführt vom Salmtaler Bundestagsabgeordneten Peter Rauen initiieren die CDU-Bezirksvorsitzenden 2005 eine Revolte gegen Böhr und wollen ihn zwingen, die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl 2006 abzugeben. Böhr bleibt stur und setzt sich in einer Mitgliederbefragung gegen Rauen durch.
Die offensichtlich mangelhafte Unterstützung seiner Partei wird Christoph Böhr zum Verhängnis. Er fährt im Mai 2006 mit 32,8 Prozent das schlechteste Ergebnis bei einer Landtagswahl ein, das die Union je zu verzeichnen hatte. Böhr gibt noch in der Wahlnacht alle Ämter ab.
Im Landtag bleibt der Trierer noch drei Jahre als stiller Hinterbänkler, ehe er sich komplett aus der Politik verabschiedet.
Seinen Nachfolger als Abgeordneter, Berti Adams, ereilt später ein ähnliches Schicksal. Auch der Metzgermeister aus Ehrang sagt der Politik adieu, nachdem er 2011 den Wiedereinzug in den Landtag nicht geschafft hat. Trier wird seitdem in Mainz nur noch vom CDU-Abgeordneten Arnold Schmitt vertreten, und der kommt aus Riol im Kreis Trier-Saarburg.
Böhr scheut seit seinem Rückzug die Öffentlichkeit. Er, der jahrelang im Rampenlicht stand, genießt die Ruhe. Doch schon bald holt ihn die Vergangenheit ein.Peinliche Enthüllungen


Enthüllungen und Schlagzeilen über die Machenschaften von Böhrs engem Vertrauten Markus Hebgen, seinerzeit Fraktionsgeschäftsführer, erschüttern die CDU. Schlampig geführte Fraktionskassenbücher, ein angeblich mit der Fraktionskreditkarte bezahlter Bordellbesuch von einigen Abgeordneten in Berlin, Hebgens mehrfacher Griff in die Kasse, wofür er schließlich verurteilt wird - all das wirft auch auf Böhr ein schlechtes Licht.
Die einstigen Weggefährten sehen sich heute wieder. Sie sitzen beide auf der Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Untreue, versuchten Betrug und einen Verstoß gegen das Parteiengesetz vor. Im Kern geht es um das Konzept "Wahlsieg 2006" der Hamburger Werbeagentur C4. Es sollte dem CDU-Spitzenkandidaten Böhr im Landtagswahlkampf zu einem besseren Image verhelfen, ihn, den Kopfmenschen, herzlicher erscheinen lassen.
Das Problem: Das Geld für das Konzept, 385 000 Euro, floss aus der Fraktionskasse. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft wurden die verschiedenen Rechnungen so fingiert, als habe die Agentur C4 die Fraktion beraten. In Wahrheit sei das Geld für Parteiarbeit geflossen, womit es sich um illegale Parteienfinanzierung handle.Nicht der einzige Angeklagte


Auch der ehemalige CDU-Generalsekretär Claudius Schlumberger habe davon gewusst, aber nichts unternommen. Schlumberger ist daher ebenso wegen Beihilfe zur Untreue angeklagt wie C4-Chef Carsten Frigge (CDU), ehemaliger Hamburger Finanzsenator.
Für Christoph Böhr ist es geradezu tragisch, dass ihm nach seinem krachenden politischen Scheitern nun auch noch strafrechtliche Folgen drohen. Für die rheinland-pfälzische CDU ist der Prozess misslich, weil er wieder die jahrelangen parteiinternen Querelen der Vergangenheit ins Schlaglicht rückt. Nur die SPD dürfte frohlocken. Das Verfahren in Mainz bildet aus ihrer Sicht einen gewissen Gegenpol zum Nürburgring-Prozess in Koblenz, bei dem sich Ex-Finanzminister Ingolf Deubel verantworten muss.
Mehr zur CDU-Finanzaffäre:
volksfreund.de/cduprozess

Mehr von Volksfreund