Der Tod und die Würde

Man muss nicht gleich den Untergang des Abendlandes prognostizieren, wenn sich in Deutschland eine Gesellschaft ansiedelt, die für aktive Sterbehilfe eintritt. Die Schweiz oder die Niederlande sind nicht aus der Gesellschaft der zivilisierten Nationen ausgetreten, nur weil bei ihnen mit dem Thema Sterbehilfe ganz anders umgegangen wird als bei uns.

Man muss nicht gleich den Untergang des Abendlandes prognostizieren, wenn sich in Deutschland eine Gesellschaft ansiedelt, die für aktive Sterbehilfe eintritt. Die Schweiz oder die Niederlande sind nicht aus der Gesellschaft der zivilisierten Nationen ausgetreten, nur weil bei ihnen mit dem Thema Sterbehilfe ganz anders umgegangen wird als bei uns.Und trotzdem sollte man aufpassen, dass keine Begriffsverwirrung eintritt. Zwischen dem Respekt vor der Entscheidung eines Todkranken, sein Leben nicht verlängern zu lassen, und dem aktiven Beschleunigen des Sterbeprozesses durch Außenstehende klafft eine große Lücke. Sie wird von vielen nicht wahrgenommen, die einfach Angst davor haben, zum Weiterleben gezwungen zu werden in einem Stadium, das sie für sich nicht mehr als lebenswert ansehen. So sehr es ein elementares Menschenrecht ist, sich nicht zum Weiterleben nötigen zu lassen - das hat mit Selbstbestimmung zu tun - , so wenig gibt es ein Recht oder gar einen Anspruch darauf, von einem anderen getötet zu werden. Denn das hat zwangsläufig immer mit Fremdbestimmung zu tun, sei es für den Sterbenden, sei es für den, der ihm aktiv zum Tod verhilft.

Wer diese Differenzierung aufrecht erhalten will, muss allerdings endlich die diffuse Rechtslage bei Patientenverfügungen beseitigen und die Selbstbestimmungsrechte von Sterbenden stärken. Nur wenn die Menschen das Gefühl haben, dass ihr eigener Wille ernst genommen wird - übrigens auch, wenn sie ihn nicht mehr äußern können, aber vorher klargestellt haben - , dann kann man ihnen auch zumuten, auf dem Weg in den Tod keine Abkürzung zu nehmen, die unweigerlich andere Menschen schwer belasten muss.

Glaubwürdig gegen aktive Sterbehilfe kann aber auch nur auftreten, wer Sterbenden alle denkbare Hilfe gegen Schmerzen, alle leistbare Unterstützung gegen Einsamkeit und Angst garantiert. Wenn die Solidarität in der Gesellschaft dafür nicht ausreicht, wird der Tod irgendwann ein Geschäft wie jedes andere.

d.lintz@volksfreund.de