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Deutsche im Freudentaumel - Jubel in Schwarz-Rot-Gold: Patriotismus und eine neue Leichtigkeit

Deutsche im Freudentaumel - Jubel in Schwarz-Rot-Gold: Patriotismus und eine neue Leichtigkeit

Schwarz-Rot-Gold-Land im Freudentaumel. Fußball-Euphorie überall. Strahlende Fans zeigen sich stolz und auch national verbunden. Von einem heiterem (Party-)Patriotismus ist die Rede. Einen übersteigerten Nationalismus sieht die Trierer Soziologin Marion Müller aber nicht.

WM-Triumph in Schwarz-Rot-Gold: Millionen Fans sind im Freudentaumel, Fahnenmeere in den Nationalfarben die vertrauten Bilder dieser Wochen. Zur Weltmeisterschaft ist zu sehen, was sonst in Deutschland eher tabu bleibt: Nationale Symbole zur Schau stellen, sich patriotisch zeigen, sich offen, stolz und unverkrampft zum eigenen Land bekennen. Einige sehen einen fröhlichen und weltoffenen Patriotismus, andere diagnostizieren eine neue Unverkrampftheit - doch manch einer mahnt auch zur Vorsicht.

"Ein angemessenes Maß an Skepsis und ein wachsames Auge gehören mit Blick auf die Geschichte dazu", sagt Martin Winands vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Uni Bielefeld. Die Euphorie wolle niemand zerstören, aber: "Es geht um den Hinweis, dass es auch einen negativen Trend nehmen kann."

Der Wissenschaftler von der IKG-Fachstelle Fußball und Konflikt betont: "Sobald die Zuwendung zur eigenen Nation mit der Abwertung anderer einhergeht, ist es problematisch. Es ist wichtig, dass wir keinen überbordenden Nationalismus zulassen."

Den sieht die Trierer Soziologin Marion Müller nicht. Die Freude über den WM-Sieg werde eher spielerisch ausgelebt, sagt die frühere Journalistin, die ihre Doktorarbeit über die Bedeutung "ethnischer, nationaler und geschlechtlicher Differenzen im Profifußball" geschrieben hat.

Kollektive Begeisterung plus "Party-Patriotismus" sieht der Bonner Politikwissenschaftler Professor Volker Kronenberg. Seit der WM in Deutschland 2006 - dem "Sommermärchen" - habe sich ein "Selbstverständlichungs-Patriotismus" entwickelt. Deutschland werde auch im Ausland nicht mehr als bedrohlich angesehen. Ein fröhliches, weltoffenes, "europäisch fundiertes" Nationalbewusstsein habe sich entwickelt. Aufpassen müsse man dennoch, dass kein "Wir-sind-wieder-wer" mitschwinge.

Die Trierer Soziologie-Professorin Marion Müller zeigt sich irritiert darüber, dass nun alle Deutschen sich als Weltmeister sähen: "Ich habe doch gar nichts dazu beigetragen. Die Fußballer sind Weltmeister geworden, nicht jeder Einzelne." Das zeige aber wiederum die enge Verbundenheit der Deutschen mit dem Fußball, der hierzulande ein Nationalsport sei.

"Ich bin stolz auf unsere Mannschaft, warum nicht auch auf unser Land? Das ist Zugehörigkeitsgefühl, kein Nationalismus, das ist harmlos. Da sollte man die irche im Dorf lassen", meint Christoph Jansen bei einem Fanfest bei Köln. "Ob Formel 1 oder ,Wir sind Papst' oder jetzt die WM: Man fiebert mit, man fühlt sich als Teil des Ganzen und ist stolz darauf." Das deutsche WM-Team ist mit Jérome Boateng, Sami Khedira oder Mesut Özil zudem eine echte Multikulti-Truppe. Ist da eine unschöne nationale Überhöhung nicht ohnehin kaum möglich? Es sind junge Männer mit Migrationshintergrund, die gerade als deutsche Volkshelden gefeiert werden. Winands: "Sehr erfreulich ist, dass wir eine bunte Nationalmannschaft haben, die die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegelt. Das wird auch im Ausland positiv anerkannt." Eine "neue Leichtigkeit" und ein "neues Deutschlandgefühl" sieht der Spiegel. Das Magazin attestiert den Deutschen, zur "entkrampften Nation" geworden zu sein. Sie hätten sich aus ihrer "Selbstverdüsterung" gelöst, erstmals sichtbar zum "Sommermärchen" 2006. Dass der WM-Erfolg die Politik nun völlig überflügle, glaubt die Trierer Soziologin Müller nicht. Sport und Politik seien getrennte Bereiche in der Gesellschaft.

Die WM entfalte eine wohltuende Wirkung, meint Fußballfan Detlef Lenschen: "Wir gehen verantwortungsvoll mit unserer Geschichte um. Und allmählich hat sich durchgesetzt, dass wir auch einen gesunden Nationalstolz zeigen dürfen."

Und Krankenschwester Birgit Pfannkuchen meint: "Auch Menschen mit nicht-deutschen Wurzeln sind stolz auf die Nationalelf und zeigen Nationalstolz. Die WM ist ein tolles Fest und sie bringt alle Gruppen zusammen."