Deutschland im kollektiven Jubel: Fußball stellt Politik in den Schatten

Deutschland im kollektiven Jubel: Fußball stellt Politik in den Schatten

Deutschland, einig Fußballland: Der historische Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft über Brasilien elektrisiert eine ganze Nation. Es gibt derzeit kaum ein anderes Thema mehr – auch in der Politik.

"Nix Politik, Fußball" - der Slogan, den die rheinland-pfälzische CDU zur Fußballweltmeisterschaft 1998 als Titel für einen Imageprospekt wählte, was aber wegen Verwendung von Steuergeldern für Parteiarbeit ein juristisches Nachspiel hatte, gilt derzeit mehr als je zuvor. Der 7:1-Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft über Brasilien stellt derzeit alles in den Schatten. Auch die Berliner Politik ist in Jubelstimmung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will am Sonntag in Rio beim WM-Finale auf der Ehrentribüne mitfiebern, mit Bundespräsident Joachim Gauck. Der grandiose Erfolg von Jogis Jungs, den mehr als 32 Millionen Fernsehzuschauer in Deutschland mitverfolgten, werde zumindest in den nächsten Tagen die innenpolitischen Themen überschatten, sagt Ex-Jugendnationalspieler und Sozialwissenschaftler Tim Cassel dem Volksfreund. Der frühere Zweitliga- Profi (VfB Lübeck) hat eine Doktorarbeit über die soziale Bedeutung des Fußballs geschrieben. Er meint, dass das weltoffene Auftreten der deutschen Kicker auf jeden Fall zu einem positiveren, moderneren Bild der Deutschen im Ausland beitrage - auch in den Ländern, in denen etwa Merkel nicht so beliebt sei. Was ein möglicher Weltmeistertitel für Deutschland politisch und wirtschaftlich bedeute, das zeige sich erst nach einiger Zeit, sagt der Essener Medienwissenschaftler Rolf Parr. Ein Sieg wäre auf jeden Fall nicht mit dem Triumph 1954 zu vergleichen. Jener habe zum wirtschaftlichen Aufschwung und dem Zusammenwachsen der Nation beigetragen; aber derzeit gehe es Deutschland auch ohne WM-Sieg gut, sagt Parr. In Brasilien hingegen rechnen Politiker damit, dass die Schlappe der Seleção im Halbfinale drastische Folgen haben wird: Die Regierung fürchtet, dass die miese Stimmung im WM-Gastgeberland die ohnehin schlechte wirtschaftliche Perspektive eintrübt und die Präsidentenwahl im Oktober beeinflusst.