Die Abgehängten und andere Hoffnungslose

Die Abgehängten und andere Hoffnungslose

BERLIN. Die deutsche Gesellschaft driftet immer weiter auseinander, die Angst vorm Absturz nimmt zu. Eine groß angelegte Milieu-Studie von Infratest zeigt, welchen Spagat die Volksparteien vollziehen müssen, um die Menschen noch zu erreichen.

Viele Bürger aber haben jegliche Hoffnung verloren. Sie sind "abgehängt". Die Daten, die am Wochenende bei einer SPD-Veranstaltung in Berlin im Beisein von Parteichef Kurt Beck präsentiert wurden, dürften für alle Volksparteien von hohem Interesse sein. 3000 Menschen wurden befragt. 63 Prozent der Menschen haben Angst vor den Veränderungen. Fast die Hälfte, 46 Prozent, empfinden ihr Leben als ständigen Kampf. Politik verliert an Glaubwürdigkeit

Die Hälfte befürchtet auch, den eigenen Lebensstandard nicht halten zu können. 39 Prozent rechnen damit, im Alter von Sozialhilfe abhängig zu sein. 14 Prozent sehen sich in jeder Hinsicht als Verlierer. Religion nimmt an Bedeutung zu. Der Glaube in die Fähigkeiten der Politik nimmt dagegen ab. Für 56 Prozent ist es egal, welche Partei man wählt. Die Forscher teilten die Befragten nach Milieus ein. Im oberen Segment, 45 Prozent der Bürger, gibt es Gruppen wie die jungen Leistungsindividualisten (elf Prozent von allen), die voller Optimismus sind und mehr Markt und Leistung fordern. Auch ältere etablierte Leistungsträger (15 Prozent), kleine Selbstständige, Meister und Beamte, sind zufrieden. Den Gegenpol bilden 15 Prozent der Bevölkerung, die niedrige oder gar kein Arbeitseinkommen haben. Dazu gehören einfache Arbeiter, die die Entwicklung sehr unübersichtlich finden und einen regulierenden Staat wollen. Acht Prozent von allen Befragten werden von den Forschern als "abgehängtes Prekariat" bezeichnet. "Prekariat" ist ein neuer Begriff, der das alte "Proletariat" ersetzt und Menschen mit äußerst prekären Arbeitsbeziehungen meint. Diese Gruppe empfindet sich als Verlierer und im Stich gelassen. In Ost-Deutschland gehören 20 Prozent dieser Gruppe an, im Westen vier Prozent. Prekär ist aber auch die Lage der Gruppe dazwischen, vor allem der "bedrohten Arbeitnehmermitte", die 16 Prozent der Bevölkerung ausmacht, sowie der "selbstgenügsamen Traditionalisten" (elf Prozent), in der Mehrheit Rentner. Hier, in der früheren Stammwählerschaft der SPD, ist die Angst groß und die Ferne zur Politik gewachsen. Generell haben die Forscher um Rita Müller-Hilmer festgestellt, dass die Verunsicherung "zunehmend in die oberen Segmente hineinwirkt". Die SPD hat das Problem, dass ihre Reformpolitik eher die leistungsorientierten Milieus anspricht, welche jedoch kaum SPD wählen. Die unteren, verunsicherten Gruppen verlangen nicht mehr, sondern weniger Markt. Sie haben zudem oft keine liberalen Einstellungen, auch nicht in der Ausländerpolitik.Spagat für Parteien

Schon bei der Vorstellung der Daten wurde deutlich, welchen Spagat die SPD - und nicht nur sie - zu bewältigen hat. Parteivorsitzender Kurt Beck, der bei seiner Rede erneut betont hatte, dass die SPD sich wieder mehr den Leistungsträgern zuwenden müsse, wurde sogleich gefragt, ob das heiße, dass die Partei sich nicht mehr um die ins Abseits geratenen Menschen kümmere. Heiße es nicht, sagte Beck. Der SPD gehe es um Gerechtigkeit, deshalb werde sie sich weiter um die Schwachen sorgen. "Im Moment", sagte Expertin Rita Müller-Hilmer dazu allerdings trocken, "wird die SPD die Abgehängten ohnehin nicht ansprechen können."