Die apokalyptischen Reiter

"Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute mein Apfelbäumchen pflanzen." (Martin Luther, Reformator, 1483-1546) Erdbeben. Flutwellen. Monsterstürme. Schmelzende Polkappen.

Versiegender Golfstrom. Steigender Meeresspiegel. Verwüstete Küsten. Versinkende Städte. Treibhauseffekt. Sonnenflecken. El Niño. Klimakollaps. Neue Eiszeit. Erdachse verschoben. Kometeneinschlag. Hunger. Seuchen. Pest. Tod. Wer die Schlagzeilen des Jahres aneinander reiht, gewinnt den Eindruck, das Ende aller Zeiten stehe unmittelbar bevor. Immer deftiger, immer greller tremoliert das mediale Panik-Orchester. Wütend, so heißt es, schlägt die gepiesackte Mutter Erde zurück und straft ihre unartigen Kinder. Jede Wetterkapriole wird zum Vorboten der Apokalypse hochgejazzt, jede Naturkatastrophe dient als Beweis für das selbst verschuldete Menschheits-Desaster. Horror. Hysterie. Heidenangst. Und ein gutes Geschäft. Hitzig-schwitzige Phantasien, Orakel mit beschränkter Haftung. Längst hat Hollywood den angeblich dräuenden Klima-Schock vermarktet, im Kassenschlager "The Day After Tomorrow". Bestseller-Autoren wie Michael Crichton ("Welt in Angst") oder Frank Schätzing ("Der Schwarm") zeichnen düstere Schreckensbilder. Und immer wieder sekundieren Wissenschaftler mit grauslichen Endzeit-Prophezeiungen. Steht es wirklich so schlimm? Warum dieses lustvoll-schaurige Beschwören des eigenen Untergangs? Klimawandel ist nicht außergewöhnlich. Er ist der Normalfall - seit mehr als vier Milliarden Jahren, als sich aus dem Dampf der brodelnden Ursuppe die Erdatmosphäre bildete. Meist war es wärmer als heute, immer wieder auch weitaus kälter. Mal rücken mächtige Eispanzer auf den Äquator zu, mal ziehen sie sich auf die Pole zurück. Vor 750 Millionen Jahren fror die Erde fast völlig ein - und sauste als Schneeball durchs All. Forscher kennen zahlreiche Faktoren, die das Klima beeinflussen, doch sie tun sich schwer damit, deren kompliziertes Zusammenwirken zu verstehen. Und mitunter scheinen ihre Theorien so wacklig wie ein gerade geborenes Fohlen, das zum ersten Mal versucht aufzustehen. Neu ist, dass diesmal die Menschen mitmischen. Die Abfallprodukte der Industriegesellschaft tragen dazu bei, das Klima zu verändern. Darin sind die meisten Experten einig. Es wird wohl wärmer, ob zwei oder fünf Grad, keiner weiß es genau. Und vermutlich schwappen die Meere über. Manchen ist das nicht spannend genug. Die Klima-Koryphäen Hans von Storch und Nico Stehr behaupten: Um Aufmerksamkeit zu erzielen, dramatisieren einige Wissenschaftler und bauschen spröde Fakten auf. Nach mörderischen Hitzewellen klinge das Aussterben von Tierarten lahm. Da müsse schon das Umkippen des Golfstroms her. So ergebe sich eine Spirale der Übertreibung. Ein gefundenes Fressen für die Internationale der Untergangs-Propheten. Schwuppdiwupp, schon steuert die Erde in der öffentlichen Wahrnehmung auf ihr rasches Ende zu: elend krepiert am Hitzschlag durch unbedacht herausgeblasene Treibhausgase. Oder mutiert zu einer Eismaschine, die jegliches Leben einfriert. Die Verzerrung der Fakten wäre zu verschmerzen, ginge es um einen Disput unter Buntbarsch-Spezialisten. So einfach ist es aber nicht: Mit den Vorhersagen der Klimaforscher wird Politik gemacht. Möglicherweise steht das Leben von Millionen Menschen auf dem Spiel. Dann wären die gewaltigen Summen, die Umweltschützer zur Finanzierung von Gegenmaßnahmen fordern, gut angelegt. Wenn die Krisen-Szenarien jedoch nicht stimmen, wäre das Geld verplempert und für die Lösung anderer Probleme - Kriege, Hunger, Armut - verloren. Im weltpolitischen Kräftemessen ist das Wetter somit zu einem Schlüsselthema geworden. Die apokalyptischen Reiter galoppieren weiter. In wilder Hatz. "So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit." (Hoimar von Ditfurth, Wissenschaftspublizist, 1921-1989) p.reinhart@volksfreund.de