Die armen Marokkaner!

Jeder blamiert sich so gut er kann. Und wir können das mit dem Blamieren eben besonders gut. Halb Europa saß am Samstagabend im Dunkeln, weil ... .? Ja warum nur? Alle sagen, wir seien Schuld gewesen.

Belgier, Franzosen, Italiener, Spanier, sie alle zeigen mit dem Finger auf uns, und wir? Wir können mal wieder für nix. Denn, in gewisser Weise sei das alles ohne Grund passiert, sagt eine Eon-Sprecherin. Das beruhigt uns aber jetzt wirklich. Es war gar nix, und der Strom war einfach nur so weg. Kein Anschlag islamistischer Terroristen aus irgendeinem der vielen Reiche des Bösen, keine kirgisischen Freiheitskämpfer, die mit der Isolierzange Leitungen gekappt hätten und noch nicht einmal ein osteuropäischer Lkw-Fahrer, der nach 40 Stunden am Steuer eingeschlafen war und einen Strommast gerammt hat. Nein, einfach so hörte der Strom auf zu fließen. Aber immerhin: Die Techniker suchen noch, doch ehe die finden, könnten Monate ins Land gehen, sagt die Sprecherin. Monate? Quatsch, Jahre wird das dauern, ehe die Stromgiganten sich einen Knoten in die Zunge drehen beim Versuch, der staunenden Menschheit zu erklären, warum die Stromverbindung von Spanien nach Marokko abgeschaltet werden muss, weil in Papenburg ein großes Schiff zur Nordsee will und irgendwo in Niedersachsen eine 400 000-Volt-Leitung repariert wird. Uns hier in der Region Trier kommt das doch sehr bekannt vor. Wir erinnern uns nämlich noch kerzenhell an die stundenlange totale Dunkelheit am 2. September 2004. Bis heute weiß niemand so genau, warum die Steckdosen damals stundenlang keinen Saft mehr hatten. Irgendwie wurde auch damals irgendwo an einer Leitung bei Niederstedem geschraubt, was wiederum irgendeinem Transformator bei Ehrang nicht gefiel oder so ähnlich, und schon kam es zu dem gefürchteten Dominoeffekt, der damals allerdings - Gott sei Dank - keine internationalen Dimensionen erreichte. Sieht man einmal davon ab, dass die Luxemburger zeitweise ebenfalls im Dunkeln saßen. Na ja, das ist ja irgendwie noch verkraftbar. Aber was werden wohl die Marokkaner jetzt von uns denken? d.schwickerath@volksfreund.de