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Die Bäuerin auf der Ministerbank

Die Bäuerin auf der Ministerbank

Ein Traumjob sei der Ministerposten nicht, sagte Ulrike Höfken kurz nach ihrer Ernennung im Mai. Schließlich habe er ja nichts mit Träumen zu tun.

Sie wolle als Umwelt- und Landwirtschaftsministerin gestalten und umsetzen, hatte sich die 56-Jährige vor sieben Monaten als Ziel gesetzt. "Das Tempo ist hoch, aber ich freue mich, mit Leidenschaft und Respekt vor den Menschen sowie der nötigen Demut die nicht gerade einfachen Aufgaben in Landwirtschaft und Umwelt voranzubringen", lautet ihre vielleicht auch ernüchternde Erkenntnis am Ende des Jahres.
Der Wechsel vom Bundestag, in dem sie 17 Jahre für die Grünen gesessen hat, war für die gebürtige Düsseldorferin, die im Eifelort Ingendorf bei Bitburg lebt, sicherlich die Krönung ihrer politischen Karriere. Unter der rot-grünen Bundesregierung wurde die Diplom-Agraringenieurin, die sich im Bundestag einen Namen als Landwirtschafts- und Verbraucherschutzexpertin gemacht hat, zeitweise als Staatssekretärin gehandelt. Doch dieser Sprung auf der politischen Karriereleiter blieb der dreifachen Mutter, die mittlerweile auch Oma ist, verwehrt. Daher war es nicht überraschend, dass schon kurz nach dem rot-grünen Wahlsieg in Rheinland-Pfalz Ulrike Höfken als Ministerin im neuen Kabinett gehandelt worden ist. Es sei noch verfrüht, eine Bilanz zu ziehen, sagt die Rheinländerin, die in der Eifel ihre neue Heimat gefunden hat. "Aber wir sind mit großem Elan an unsere neuen Aufgaben gegangen." Als Beispiele nennt sie das umstrittene Thema Windkraft im Wald, den Öko-Landbau oder die Ausweisung neuer Nationalparks im Land. "Etliche im Koalitionsvertrag vereinbarte Vorhaben" hätte Rot-Grün in Rheinland-Pfalz bereits in die Wege geleitet, sagt Höfken. Dazu zählt sicherlich auch der bei der Industrie ungeliebte Wassercent, den die grüne Ministerin durchgesetzt hat. Ab 2013 muss für die Entnahme von Grund- und Oberflächenwasser ein Aufschlag gezahlt werden.
Nach dem Antritt der neuen Landesregierung hat es längere Zeit gedauert, bis Höfken ihre Position im rot-grünen Kabinett gefunden hat. Das mag vielleicht auch am Zuschnitt ihres Ministeriums liegen. Sie ist für Umwelt, Forsten und Landwirtschaft zuständig. Ihr Leib- und Magenthema Verbraucherschutz ist aber in das Justizministerium gewandert. Für das Thema Energie ist die grüne Wirtschaftsministerin zuständig.
So durfte sich Höfken zunächst nicht zur Ehec-Krise, die kurz nach ihrem Antritt die Verbraucher verunsicherte, äußern. Dafür zuständig ist der Verbraucherminister. Es dauerte einige Zeit, bis sich die Landesregierung auf eine Vorgehensweise bei der durch verunreinigte Samen verursachten Epidemie mit dem gefährlichen Darmkeim geeinigt hatte. Auch beim Thema Atomenergie und damit auch Cattenom muss Höfken seit Mai offiziell schweigen. Trotzdem bezeichnet sie die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima als ihre größte politische Herausforderung in diesem Jahr. Schließlich habe das zur Konsequenz gehabt, dass die von den Grünen schon immer geforderte Energiewende in Deutschland endlich eingeleitet worden sei. Auch in Rheinland-Pfalz. Bis 2030 soll der gesamte Strom im Land aus erneuerbaren Energien gewonnen werden, lautet ihre Konsequenz aus Fukushima.
Höfken, die als Kind Zirkusartistin oder Bäuerin werden wollte, macht sich als Ministerin wie schon als Bundestagsabgeordnete vor allem für den Öko-Landbau stark. Das bringt ihr immer wieder Kritik von konventionellen Landwirten und deren Funktionären ein. Trotzdem schätzen auch diese die Fachkompetenz, der Hobby-Ziegenzüchterin. Höfken macht sich vor allem für die Milchbauern in der Eifel stark, fordert eine stärkere Besinnung der Verbraucher, aber auch der Politik auf regionale Produkte: "Wenn wir das Geld, das wir heute für Gas und Atomstrom ausgeben, in regionale Erzeugnisse fließen lassen, können wir den ländlichen Raum stabilisieren und eine gute Infrastruktur sichern." Darin sieht sie auch ihre persönliche Herausforderung in den nächsten Jahren. Die Stärkung der ländlichen Räume mit erfolgreichen bäuerlichen Betrieben sei Voraussetzung, dass "auch unsere Kinder Lebensqualität und Einkommen haben". Bernd Wientjes