Die Beichte als Bestseller

New York. Es wird wohl eines der erfolgreichsten Bücher des Jahres. Ex-US-Präsident Bill Clinton veröffentlicht heute seine Buch "Meine Geschichte".

Für Andrea Peyser, scharfzüngige Kolumnistin der konservativen "New York Post", steht das Urteil schon fest, bevor sie sich durch das 957 Seiten starke Buch gearbeitet hat: "Bill Clinton ist eine moralische Prostituierte. Warum macht er erst jetzt reinen Tisch mit seiner Vergangenheit, wo es Geld dafür gibt?" Keine Frage: Die Lebensbeichte des früheren Präsidenten, die er gegen ein Honorar von zehn Millionen US-Dollar von der Bertelsmann-Tochter Random House zu Papier brachte, und die offiziell morgen die amerikanischen Buchhandlungen erreichen wird, ist bestens dazu geeignet, noch einmal Emotionen bei jenen zu schüren, die Bill Clinton entweder lieben oder abgrundtief hassen. Und damit sich täglich die öffentliche Erregung und das Kaufinteresse noch weiter steigern, lassen die zum Bertelsmann-Konzern gehörenden US-Verlagsstrategen und Clinton seit Tagen in Talkshows, Interviews und Radio-Werbespots immer mehr Details aus dem mutmaßlichen "Bestseller des Jahres" durchsickern. Einige US-Zeitungen sicherten sich sogar zum Verdruss der Verleger Vorab-Exemplare aus befreundeten Buchhandlungen. Und so wird "My Story" ("Meine Geschichte") in publizitätsträchtigen Häppchen vorab serviert, vom bewegenden Eingeständnis des Autors, er sei - als er die Affäre mit Monica Lewinsky nicht länger gegenüber Frau und Tochter geheim halten konnte - des Bettes verwiesen worden und habe zwei Monate auf der Couch schlafen müssen, gefolgt von wöchentlichen Besuchen mit der zunächst an Scheidung denkenden Hillary bei einem Eheberater. Und auch die Grundfrage, auf die bisher Amerika niemals eine Antwort erhalten hatte, wird endlich beantwortet: Warum der damals mächtigste Mann der Welt mit "dieser Frau, Miss Lewinsky", Sex hatte und anschließend seine Familie und die ganze Nation unter Eid belog? "Ich habe es für den schlechtesten Grund überhaupt getan", enthüllte Clinton in einem Fernseh-Interview, "nämlich weil ich es tun konnte." Moralisch sei dies "unverzeihlich" gewesen, und die Affäre habe dann auch "den dunkelsten Teil meines Innenlebens offenbart." Nicht im Dunkeln lässt Clinton die Leser über seine Kindheit, der er eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit späteren Fehltritten einräumt. Nicht nur hätte seine Erziehung ihm zunächst ein normales Leben erschwert: Der Ex-Präsident spricht sogar von einer Tendenz zu selbstzerstörerischem Verhalten und falschen Entscheidungen, wenn er erschöpft oder wütend war oder sich einsam fühlte. Denn der junge Bill hatte es offenbar nicht einfach."Beständige Gefühle der Schande und Furcht"

Sein Vater starb bei einem Auto-Unfall, und der Mann, den seine Mutter dann heiratete, war ein Alkoholiker mit dem Hang zu Gewalttätigkeiten. Die meisten Details aus der näheren Verwandtschaftsgeschichte Clintons sind nicht völlig neu, hatte sie doch auch Hillary bereits in ihren 2003 veröffentlichten Memoiren angesprochen, deren Verkaufserfolg von 2,3 Millionen Exemplaren nun der Gatte zu übertreffen sucht. Denn dieser gewährt einen oft überraschend tiefen Einblick in seine Seele: Seine Vergangenheit habe in ihm "beständige Gefühle der Schande und Furcht" verursacht - und "eine lebenslange Gewohnheit der Geheimniskrämerei". Umso mehr sei er dann erleichtert gewesen, schreibt Clinton in seinem Buch, als die Wahrheit über die Lewinsky-Affäre endlich ans Licht gekommen sei: "Es war befreiend für mich." In seinem Blick zurück verharrt der Ex-Präsident jedoch nicht nur unterhalb der Gürtellinie. Im Amtsenthebungs-Verfahren, das sich anschloss und dem Clinton nur durch die demokratische Mehrheit im Senat entkam, sieht er eine politische Hexenjagd der Republikaner. Doch Clinton zeigt heute weniger Verachtung für seine Gegner, sondern vielmehr sogar einen Hauch von unerwarteter Dankbarkeit: Sie hätten indirekt dazu beigetragen, dass er und seine Frau heute wieder ein engeres Verhältnis hätten, "weil wir den Coup der Rechtsgerichteten abwehren wollten". Ungeachtet der Vergangenheit gab der Demokrat dann bei seinem Auszug aus dem Weißen Haus seinem Nachfolger eine Einschätzung zur Sicherheitspolitik. Als größte Bedrohung für die USA habe er, so Clinton, Osama Bin Laden und El Kaida dargestellt. Doch George W. Bushs Reaktion sei merkwürdig desinteressiert gewesen: Er habe wenig dazu gesagt - und dann das Thema gewechselt.