Die betrogene Hoffnung

Ein Prozess vor dem Trierer Landgericht zeigt, wie skrupellose Menschenhändler die Not bulgarischer Frauen ausnutzen.

Trier In ihrem Gesicht ist abzulesen, was sie erlebt hat. Sie gibt an, 26 Jahre alt zu sein. Doch die Frau auf der Anklagebank des Trierer Landgerichts sieht wesentlich älter aus. Das Schicksal hat sie gezeichnet. Ein Leben in bitterer Armut in Bulgarien, keine Schule, keine Berufsausbildung. Mit 18 ein Kind bekommen, von einem Mann, der ebenfalls wie sie aus ärmlichen Verhältnissen stammt. Als sie über ihren achtjährigen Sohn spricht, der in Bulgarien bei ihren Eltern lebt, schießen ihr Tränen ins Gesicht.
Geld habe sie damals mit Kräutersammeln verdient, übersetzt der Dolmetscher die leise, auf Bulgarisch sprechende Frau.
Vor fünf Jahren dann hat sie in Bulgarien einen 15 Jahre älteren Mann kennengelernt, dreifacher Vater und ehemaliger Kuhhändler, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Der sitzt neben ihr auf der Anklagebank. Mit dem sei sie dann nach Deutschland gegangen, "um in Trier zu arbeiten". Diese Arbeit bestand darin, dass sie auf den Straßenstrich an verschiedenen Stellen in Trier ging. "Ich wollte das", beteuert sie. "Ich habe doch nichts gelernt." Mit ihrer Arbeit trägt sie als Einzige zum Lebensunterhalt des ungleichen Paares bei. Und letztlich hat vermutlich diese Ausweg- und die Perspektivlosigkeit der beiden dazu geführt, dass sie sich nun vor der Großen Strafkammer des Landgerichts verantworten müssen.
Wegen Menschenhandels und Zwangsprostitution. Sie sollen mehrere junge Frauen nach Deutschland gebracht haben, sie in Trier gezwungen haben, auf den Strich zu gehen, sie bedroht und geschlagen und ihnen das verdiente Geld abgenommen haben.
Die Anklage gegen die beiden Bulgaren gibt einen erschreckenden Einblick in das Schicksal, das Elend und die Not Tausender junger Mädchen und Frauen aus Bulgarien. Sie hoffen auf ein besseres Leben, raus aus der Armut. Diese Hoffnung treibt sie nicht selten in die Hände von skrupellosen, brutalen Menschenhändlern. Oft stammen die Frauen aus sozial benachteiligten Minderheiten. Bulgarien, das seit 2007 EU-Mitglied ist, gilt als ärmstes Land Europas. Über 40 Prozent der Menschen dort sind von Armut bedroht.
Der freie Personenverkehr in der EU macht es den Menschenhändlern einfach, die Mädchen und Frauen außer Landes zu bringen. Sie reisen offiziell als Touristinnen ein und können als EU-Bürger nicht abgeschoben werden.
Laut Bundeskriminalamt wurden im vergangenen Jahr 487 Fälle von Menschenhandel in Deutschland registriert. Nach Auskunft des Trierer Polizeipräsidiums hat es 2016 in der Region drei Ermittlungsverfahren gegeben. Klar ist: Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Viele Opfer trauen sich nicht aus Angst vor ihren Ausbeutern, zur Polizei zu gehen.
Das auf der Anklagebank in Trier sitzende Paar soll genau diese Not von bulgarischen Frauen ausgenutzt haben. Einmal sollen sie einer 20-Jährigen, die keinen Schulabschluss hatte und in ärmlichen Verhältnissen gelebt hat, versprochen haben, ihr in Deutschland eine Stelle als Putzfrau zu verschaffen. Mit dem Auto sollen sie die junge Frau nach Trier gebracht und dort geschlagen haben, ihr gedroht haben, sie zu verkaufen oder umzubringen, wenn sie nicht mit der nun angeklagten Frau auf den Strich gehe. Wenn sie kein Geld verdient hat, soll der Mann sie misshandelt haben, einmal soll er damit gedroht haben, ihre Hand zu brechen. Schließlich ist dem Opfer die Flucht aus Trier mit Hilfe eines rumänischen LKW-Fahrers gelungen.
In einem anderen Fall sollen sie eine 18-Jährige, die in Bulgarien als Prostituierte arbeitete, nach Deutschland gelockt haben mit dem Versprechen, dass sie dort in Trier auf dem Straßenstrich so viel Geld verdienen könne, dass sie damit in ihrer Heimat ein Haus bauen könne. Das Geld, das sie in Trier mit Prostitution verdient hat, musste sie dem Angeklagten geben. Der soll ihr gesagt haben, dass er es für sie spare. Als sie gemerkt habe, dass er sie um ihre Einnahmen betrügt, habe sie zurück nach Bulgarien gehen wollen, heißt es in der Anklageschrift. Daraufhin soll der Mann ihr ein Küchenmesser ans Bein gehalten und ihr gesagt haben, sie sei sein Besitz. Aus Angst vor weiterer Gewalt habe sie weitergearbeitet.
Für den Prozess sind bislang fünf Verhandlungstage angesetzt. Dabei sollen woll auch die Opfer als Zeugen aussagen.